Mannheim
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Blau-Weiss-Blätter · 1919-04-01 · 5 (4.1919) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
6 (1918-1919)
Issue
5 (4.1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Der Maid Wie steht der Wald eigentlich ans? — Stellen wir uns vor, wir marschieren vom Bahnhof aus auf ihn zu. Eine dunkle Linie wird am Horizont sichtbar, sie begrenzt ihn. Allmählich unterscheiden wir heim Näherkommen oben am Saume gegen den Himmel lauter einzelne parallel gerichtete Spitzen, dazwischen vielleicht eine besonders hohe Baumkrone. Nach und nach tritt Einzelnes deutlicher hervor, der Eindruck des Massigen weicht vor dem des einzelnen Baumes. Wir bemerken den Absatz zwischen $rone und Stamm, Farben werden sichtbar, grün und braun. Wir ftcl)cu vor dem Wald und darin, und das ganze Bild hat sich vollkommen verändert. Jeder weitere Ausblick ist uns vollkommen versperrt, keine nach außer» abgegrenzte, nach innen ungegliederte Masse beherrscht mehr das Gesichtsfeld einzelne Stämme ragen direkt vor uns in einem dem Auge keine Ruhe gewährenden Durcheinander auf; und nach oben gerichtet verliert sich der Blick Im Gewirr von Aesten, Blattern und durchschimmernden Sonnenstrahlen und Ausblicken nach einem Fetzen Himmel. Wo etiictt Nuhepunkt finden, der das Ganze in der Einzelerscheinung birgt, wo einen Standort, der alles planvoll überschauen läßt? Da fällt unser Blick auf etwas*Seltsames: mitten zwischen die hohen und wuchtigen Buchen, unter denen wir uns befinden, hat sich eine kleine verkriippelte Birke eingeschlichen, die unbekümmert um die hohen Herrschaften umher lustig ihr zartes Grün der Sonne zuwendet. Der Stamnr des kleinen Baumes ist hin und her gewunden, als recke und strecke er sich so recht wohlig in den Sonnenstrahlen. Jedes kleine Blatt strebt nach irgend einem Fleckchen Sonne, das irgendwo durch den Schatten des Blättergewirrs hindnrchdringt. Der Stamm des kleinen verhutzelten Baumes sieht ganz ehrwürdig aus, tief gefurchte Rillen ziehen sich »»eben- und durcheinander auf ihm entlang, und in ihnen und auf den erhabenen Stellen dazwischen hat sich sildergraueS Moos festgesetzt, das zusammen mit der weißen Farbe der hier und da steheilgebliebene»» blättrigen Rinde der Birke ihr charakteristisches Aussehen verleiht. Kleine, zierlich gewundene, mehrfach geknotete Aeste und Aestchen entsprossen dem Stamm und tragen die länglich ovalen, mit vielen feinen Nippen und Zacken durchsetzten Blätter, die tu ihrem Hellen, beim Schein der Sonne ins Gelbliche spielenden Grün schimmern. — Doch die Gleichartigkeit der Bäume an Art und Wuchs verleiht dem Walde seinen eigentlichen Charakter. Mögen wir an den dichtbelaubten Buchenwald des Spessarts oder die kahlen hochstämmigen Kiefern Norddeutschlands denken, die in ihrer starren Schlankheit manchmal an uralte, riesige Schachtelhalme erinnern, oder sehen wir den vom Seewind zerzauste»:, geduckten »u»d verkrüppelten Eichenwald der »r»ecklenb»»rgischen Küste: immer steht uns als Merkmal der Ba»tm vor Augen, dessen So»»derart der Larrdschaft ihren Ste»»»pel aufdrückt. — Der Wald ist nicht stttmm. Nicht nur, we»»n »vir mit fröhlichem Gelärm oder Hellern Gesang hindurchziehen, nicht nur, wenn »vir mit Mißvergnügen das Gejohle und Gepfeife der Stadtwanderer in ihm erschallen höre»», gibt eS Stimmen im Wald. Er hat seine eigene Stirnme. Die hört arn besten der, der ganz leise und vorsichtig ohne Weg ur»d Ziel hind»»rchgeht und mit offenen Ohren dem.Konzert lauscht, das die Natur sich selbst gibt. Aber wie beimKorrzert des femabgestimmten und sarrber spielender» Orchesters der den tiefsten Eindruck empfängt, welcher es neben der Erfassung der Harmonie des ganzen Werkes noch versteht, dem ei»»zel»»e»» Instrument in seiner Eigenart zu folgen und die Klangschönheit un Reinheit des 124

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