Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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pflegte es als angemessene Ergänzung deutscher Kammermusik, die ich auch heute noch mit Freunden häufig spiele. Allmählich, seitdem ich mich dem Volt näherte, geschah daun das Seltsame, daß die deutschen Lieder mehr und mehr verdrängt wurden vom jüdischen Volkslied. Nicht als ob ich sie heute weniger schätze oder etwa eine»! Akt bewußter Enthaltung gegen sie ansgeübt hätte; solch krampfhafter Nationalismus, in Angelegenheiten des Gefühls und der Empfindung ist mir fremd; aber innerlich, im Unbewußten sind mir die deutschen Lieder seit etwa drei Jahren wie abgestorven. Es kommt jetzt häufiger noch als früher vor. daß ich unbewußt ein Lied vor mich her brumme; ein deutsches stiehlt sich aber seit Jahren bei mir nicht mehr heraus; stets ist es bei mir ein jüdischer „nigen* ober ein jüdisches Volkslied. Ein solcher Vorgang, den in der letzter; Zeit auch andere westjüdische Freunde an sich beobachten, zeugt sicherlich mehr als eine noch so gründliche formale Analyse von der zwingenden Kraft und dem Adel unserer Volkslieder. Er beweist aber auch, daß tief in nnserm Innern, wo die Zentren unserer Musikalität, unseres Rhythmus und nuferer Gesten sind, das Volk noch immer lebend und wirkend ist, trotz den vielen Schichten an Inhalten und Erlebnissen, die nichtjttdische Kultur und Umgebllng uns anflegten. Hier aber, wo die Forderung anstancht, ans einem Goi wieder ein Jude zu werden, wollen wir abbrechen. Berlin Fritz M o r d e ch a i Kaufmann Uessach Aus dem Lissaer Row-Tiddur*) Vom Sedermahl. „Abudraham, sein Andenken sei gesegnet, gedachte beim Genüsse des pssr karpan cm die 600 000, die mit Strenge zur Arbeit angehalten wurden; denn wenn mar; die drei ersten Buchstaben des Wortes umkchrt. erhält man pvreck (Strenge). Das sammocd aber hat den Zahlenwert 60, entsprechend den 60 Myriaden geknechteter Inden. M „Der Brauch der Gottesfürchtigen ist, bei der Sedermahlzert nicht bis zur völligen Sättigung zu essen, damit ihnen nicht der Genuß des Aphikoman widerlich sei; denn mit Beziehung darauf heißt es: „Und Sünder straucheln darauf" (auf den Wegen Gottes) (Hosea, letzter Vers). Ebenso soll man auch mit Maß trinken, daß der Sinn nicht dadurch erregt werde und man vergesse die Ordnung innezuhalten oder der Schlaf einen überwältige. Man kümmere sich auch um die Armen all seinem Tische, wie matt sich auch ein Verdienst erwirbt, wenn mün mit seinen Tischgenossen über ein Thema aus der Thora spricht. Es ist aber nicht notwendig, Erklärnllgen sehr weit anszuspinnen, da ja alle Bücher voll davon sind. Es ist ferner richtig, daß jeder Hausherr in seinem Hanse Lieder und Lobgefäuge über die Gnade Gottes, gelobt sei Er, anstimme. Und nachher lerne man Mischnajoth, Traktat. Pessachim oder Chagigah (Festopfer) oder im heiligen Söhar über den Thoraabschnitt vor. Auszuge aus Aegypten; doch achte man darauf, daß man den Aphikoman vor Mitternacht esse; denn manche Gesetzeslehrer sagen ausdrücklich, daß, wenn man *) Der Verfasser dieses Siddur ist Rabbi Jacob Lissa (gest. 1832), der vermöge seiner tiefen Talmudkenntnisse und seines lauteren patriarchalischen Charakters (Grätz) eine ausgedehnte Autorität genoß.