Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich habe noch zu erklären, warum ich hier durchweg das jiddische Lied als d as jüdische Volkslied bezeichnet habe und nicht das hebräische Lied erwähnte. Es ist aber so, daß ein hebräisches Volkslied bis heute noch nicht existiert und daß, abgesehen von einigen volkstümlichen Romanzen der Spaniolen und den meist ganz religiös gehaltenen Liedern der Inden des Jemen das jiddische Lied das einzige ist, das wir als Volkslied ansgeben können. Ich glaube zum Hebräischen mehr' innere Wärme und Bindung zu haben als viele von euch — wie fami ich aber so parteimäßig in Kultnrdingen sein, Kunstlieder, die für Kindergärten und Schulen in den letzten Jahrzehnten meist mehr schlecht als recht zusammengedichtet fiub und denen man von irgendwoher, aus dem Russischen, Arabischen oder Jiddischen Melodien unterlegt hat, wie echte Volkslieder anzusprechen? Daß ein Volkslied entstehe, dazu genügt nicht der gute Wille oder krampfhafte Bemühung - die vielen mißlungenen Versuche der letzten Zeit, dem deutschen Volkslied ein neues Reis aufzupflanzen oder an sich noch so vollendete Gedichte Bialiks durch Vertonung populär zu machen, beweisen es. Zn welchen Verdrehttllgen einfacher Tatsachen man gelangt, wenn man in derartigen Fragen des Geschmacks und der Kultur parteiisch eifert, beweist folgende amüsante, aber wenig erfreuliche Geschichte, die kurz nach dem Erscheinen der 2 Auflage des Blau-Weiß-LiederbucheS passierte. Da besprach einer in einer Wiener Tageszeitung (sie hieß wohl „Neues Wiener Journal") die 2. Allflage unter dem vielverheißenden Titel: „Indische Volkslieder ans Rußland und Palästina". Um den weichlichen, gedrükten Charakter des jiddischen Liedes zu erweisen, führte er »dem railners treren“ im Wortlaut an, ein Kunstlied, das gu den mißlungensten Versuchen WarschawSkis gehört und mit dem Volkslied nichts zu tnn hat. .Diesen Liedern des Äalnth stellte er das „heroische" Lied der neuen jüdischen Siedlung Palästinas gegenüber und gab zum Beweis für dessen Qualitäten den Wortlaut des — 126. Psalms wieder, der vor bald zweitausend Jahren entstanden ist. Wenn man scholl ans echter Liebe zum Hebräischen gerne hebräisch singen will, dann bemühe man sich doch um das chassidische Lied, das meistens in der reizvollsten Weise hebräische Texte mit jiddischer Umrahmung enthält. Sowohl dichterisch wie musikalisch gehören diese Gesänge zu dem Gewaltigstell und Innigsten, was uns an Volksliedern überkommen ist?) Rur darf man sie nicht so singen, wie sie etwa im 10. Heft der Nadclschen Jontefflicder verzeichnet sind. Da ist in dem herrlichen Tischlied der jüdische Text ein Gemisch von polnischer und litauischer Mundart, der hebräische aber in der Aussprache der deutschen Juden transkribiert, was falsch und 'komisch wirkt. Genau so falsch aber lväre es, diese antochthonen Schöpfungen des Ostens in der Mundart des befardischen Inden zu singen. * Ich war, soweit das überhaupt möglich ist, in diesen Anregungen bemühtsachlich und logisch und nicht etwa eifernd, wie ein Liebender, best absoluten Wert unserer Volkslieder darzntull. Es drängt mich aber hier lloch etwas zu sagen, das zunächst persönlich ist, aber allmählich auch fiir manche voll euch Geltung erlallgen kann. Bis zum Jahre 1911 war auch ich völlig beherscht vom deiltschen Volkslied. Ich sang es viel und gern, auf Wanderungen, zu Hause und allerorten und *) Zn meiner LiederänSwahl befinden sich etwa 10 derartige Lieder. 121