Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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bereits derart cm deutsche Siugart und den „ehernen" deutschen Rhythmus angepaßt hatten, daß in ihrem Chorgesang die jüdische Note völlig verschwand. Ich habe noch die wichtigste Schwierigkeit zu erwähne», an der meistens euer Versuch, die Lieder unseres Volks zu singen, scheitert. Die Sprache dieser Lieder ist das Jiddische, den meisten Doit euch noch so unbekannt, daß chr die unsinnigsten Legenden, die man gegen sie vorbringt, häufig glaubt. Wie schlimm die bisherigen Herausgeber von jüdischen Volksliedern hierzulande mit dieser Sprache verfahren sind, habe ich im Märzheft 1918 des Juden ausführlich dargetan, in dem Aufsatz „Die Aufführung ostjüdischer Volksmusik vor Westjuden". Wie darf ich es auf mich nehmen, fremdartige Lieder zu singen, ohne wenigstens gu wissen, wie ich die Vokale und die anderen Klänge aussprcchen und den Worten einen Sinn geben soll? Wenn das einer mit dem französischen Lied täte, würdet ihr ihn sicher und mit Recht höhnen; die jüdischen Lieder singt ihr aber in einer Sprache, die kein Ostinde versteht, weil ihr daraus einen Jargon machtet. Ihr werdet aber begreifen, daß gerade im Volkslied der rein musikalische Klang mit dem vokalischen Wortklang restlos zur Einheit verschmolzen ist, die man nicht willkürlich zerreißen und trüben darf. Wer zu bequem ist, sich etwas ernsthafter mit dem Sprachlichen dieser Lieder abzugeben, der singt besser wie früher seine deutschen Lieder. Es ist ein Unding, mit solch teueren nationalen Werten wie dem jüdischen Volkslied lediglich kokettieren zu wollen, so wie viele sich auch mit ein paar hebräischen Sprachbrocken gerne beputzcn. Es bedarf nämlich keiner langwierigen Arbeit, um im Jiddischen es bis zu einer halbwegs klangreinen und legitimen Aussprache und zu einem annähernden Verständnis für den Sinn der Worte zu bringen. Die vor wenigen Wochen im Wiener Verlag A.Hartleben erschienene „Praktische Grammatik der Jiddischen Sprache für den Selbstunterricht" ist so gründlich und zweckmäßig von Salomo Birnbaum euren Bedürfnissen angepaßt, daß die genaue Durcharbeitung der ersten 40 bis 50 Seiten euch bald in den Stand setzt, zum Volk, zu seiner Literatur und seinen Siebern endlich einen Zugang zu finden. Die Grammatik enthält im übrigen eine Anzahl schöner Leseproben aus den Werken der besten jiddischen Erzähler, dazu genaue Aussprachebezeichnungen und ein für eure Zwecke geniigendes, famoses Wörterbuch. Mehr zu diesem wichtigen Gegenstand hier zu sagen, verbietet der begrenzte Raum; ich habe aber vor, im Jerubaal ausführlich auf Birnbaums Arbeit wie überhaupt auf den Wert einer gründlichen Beschäftigung mit dem Jiddischen einzugehen. * Ich habe einige Schwierigkeiten angeführt, die euch beim jüdischen Volkslied zunächst im Wege stehen. Sie gering zu schätzen wäre genau so falsch als sich durch sie abkchrecken zu lassen. Um euch, soweit das durch das geschriebene Wort möglich ist, den Zutritt zu unserem Volksgesang zu erleichtern, hat mich der Ausschuß für jüdische Kulturarbeit vor längerer Zeit beauftragt, ein besonderes Merkbüchlem zu schreiben. Dieses wird in den nächsten Tagen unter dem Titel „Das Jüdische Volkslied" im Jüdischen Verlag, Berlin herausgehen und enthebt mich der Notwendigkeit, hier die einzelnen bisher vorliegenden Liederausgaben, die großen Sammelwerke, die Frage, wie man die Lieder begleiten, welche man im Chor singen soll, was es mit den Liedern der „dackelumim* auf sich hat, und dergleichen Fragen mehr zu behandeln. 120