Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Trauer wie Lin beißenden Spott, die der Westjude als Kollektivnm längst nicht mehr bat. Wie will man aber Lieder, die hundertfach im Tiegel solcher Volksmassen geläutert und gestempelt sind, in ihrer Wesenheit begreifen, so lange einem der gewaltige, zeitlose Hintergrund, der sich da anstut, ein Unbekanntes ist'Z Was ist denu nicht alles in diese Lieder cingegangen? An Empfindung und Melodie das Aeußerstc, zu dem der jüdische Mensch überhaupt fähig ist; an plastischen Gestalten das riesige Getümmel von »Klej Koidesch\ von den heiligen Menschen der Urzeit und der heutigen Tage, von Schustern, Schneidern, Schmieden und Fuhrleuten, von Spielleuten und anderen Volkstypcn; an Schicksalen und Stoffen alles, was in vielen Jahrhunderten fich in das Gedächtnis der Nation eingrnb. Wie entscheidend diese Dinge sind, wird man am französischen Volkslied bald gewahr. So fundamental sind in Westeuropa die emotionalen und kulturellen Verschiedenheiten nicht, als daß ihretwegen einem Deutschen der Sinn und die Melodik eines sranzösischen oder italienischen Volksliedes verschlossen bliebe. Beim jüdischen Volksgesang tut sich aber selbst vor vielen Liebesliedern, die doch ihrem Wesen nach allgemein menschliche und elementare Gefühle wiedergeben, diese bereits erwähnte Besonderheit anf. Es war demnach ein ganz nusinniges Unternehmen, deutschen Juden östliche Volkslieder vorzulegen, ohne ihnen weitgehende Erklärungen beizufügen; schon aus diesem Grunde halte ich die Ausgaben von Roskin, in Ost und West Md im Blau-Weiß-Liederbuch für verfehlt. Nun ist des weiteren daran zu ' unnern, daß sich die ostjüdische Singart, die ebenso nnenropäisch ist wie ostjüd' ,che Art überhaupt, im Notcnbild kaum festhalten läßt. Ich will ganz davon ubsehen, daß der altertümliche, aus der lithurgischcn Musik übernommene Kla''.gcharakter der meisten östlichen Volkslieder einen jungen Menschen, der die deutsch e Melodik als „die" Melodik empfindet, fremdartig, zunächst auch monoton und ciiitu;*”" anmuten wird und daß es einer behutsamen Einfühlung bedarf, um hier die Mannigfaltigkeit und Fülle der vom Volk geschaffenen Formen hcranSzuhören. Aber auch das Rhythmische, die Tonbildung und -Verzierung, die ungezwungene und doch gesetzmäßige Art des Vortrages, der stellenweise ganz zum Necitativ wird, und die Beteiligung der Geste sind im Singen der Ostjuden traditionell stark ausgeprägt und meistens so unwägbar, daß man diese entscheidenden Imponderabilien im Notenbild nicht vermerken kann. Ich habe in einer Auswahl von 47 repräsentativen jüdischen Volksliedern, die der „Ausschuß für jüdische Kulturarbeit" als handliches Liederbuch in der nächsten Zeit veröffentlichen wird, versucht, durch Anwendung von Luftpausen und auch durch Hinweise im erklärenden Text bcu westjüdischen Benutzer davor zu bewahren, diese Lieder allzu gojisch zu singen. Letzten Endes müßt ihr aber versuchen, bei Ostjuden, die noch nicht entwurzelt find und ihre jüdische Art sich bewahrt haben, in die Schule zu gehen Einfache Arbeiter, vor allem ältere Ostjndinnen haben mir, ungewollt, einfach durch ihr schlichtes Singen mehr Aufschluß und Anhalt gegeben, als die berühmten Leute, die diese Lieder arienhast und mit großem äußeren - Apparat im Konzertsaal Vorbringen. Man muß sich eben den Mann, der einen in die unbekannte östliche Welt einftthren soll, vorsichtig wählen. Vor nicht langer Zeit hörte ich im Berliner Volksheim das schöne Mschiachlied *sug-je rebenju* wuß wet san as mschiach wet kirnen" in einer merkwürdig abgehackten Weise hernntersingen. Dabei waren die meisten Jungen Ostjuden, die sich jedoch in Berlin 11-