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Blau-Weiss-Blätter · 1919-04-01 · 5 (4.1919) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
6 (1918-1919)
Issue
5 (4.1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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bisher als jüdisches Volkslied repräsentierte. Stoßt euch nicht daran, daß ich eine Scheidung vornahm zwischen gültigen und weniger gültigen Volksliedern. Wer die großen, für den wissenschaftlichen Gebranch besorgten Sammlmlgen deutschen VolkSgesangs kennt, der weiß, daß ein Volk, genau so wie sein gesteigerter Einzelmensch, der Dichter, nicht immer gleichwertiges hervorbringt. Von Tausenden deutschen Liedern, die im Lauf der Jahrhunderte cntftauben, hatten nur wenige hundert die zeitlose innere Gewalt, wirklich lebendig zu bleiben, und auch bei diesen lassen sich leicht, große Unterschiede der Qualität heranssinden. Im jüdischen Lied ist es nicht anders Von der Uuzabl von Liedern — es mögen einige tausend sein —, die im Volk heute noch gesungen werden, sind bis jetzt erst etwa 1000 in den großen Sammelwerken von Ginzburg und Marek, Cahan und Prilutzki usw. ausgezeichnet- Darunter sind Lieder, an denen viele Geschlechter von Juden gebaut und gestaltet haben und die nun, von der Weihe der Jahrhunderte geprägt und veredelt, schlechthin als vollendet anzusprechen sind, unb es sind andere da, aus jüngster Zeit, die kaum erst ans der Sphäre des Gassenhauers oder der moralischeu Betrachtung herausgehobelt und von den singenden Volksmassen umgestaltet sind. Nun haben zwar manche von euch das Volkslied nicht lediglich aus schlechten Auswahlen kennen gelernt, sondern der oder jener hat sich im llmgang mit Ostjudeu allerlei ungeeignet. Aber nicht jeder Ostjude hat eine natürliche und zwanglose Beziehung zum Volkslied. Unter den vielen ostjüdischeu Studenten und Intellektuellen, die ich kenne, traf ich feiten einen, der noch die Gabe hatte, schlicht und herzhaft wie ein einfacher Volksmensch zu singen. Die meisten, besonders die schon länger im Westen lebten, waren in ihrem Geschmack genau so verbürgerlicht und verdorben, wie der deutsche Spießer, gegen dessen Singsang sich der Wandervogel auflehnen mußte. Fragt einen solchen Manu nach einem jüdischen Volkslied, er wird euch „ai'm pripetschik, dem milners trereiT oder andere badchunische und Kunstlieder Vorsingen, selten einmal einen getragenen imb plötzlich zu höchster Ex* stasc anschwellenden chassidischcu Gesang oder eines der ganz seeligeu Wiegenlieder. Ucberhanpt solltet ihr bedenken, daß nicht alles, was ihr von ostjüdischeu Intellektuellen über das Volk, seine Gesittung, seine Sprache und seine Kultur erfahrt, »toiraß moische", lautere Wahrheit ist. Ihr müßt euch schon die Mühe geben, selber an die fremden östlichen Dinge heranzukommen. Bisher habe ich nur äußere Gründe dafür angeführt, warum eure Beziehung zu den ostjüdischen Liedern bisher so unnatürlich und ungesund war. ES gibt noch andere, innere, die schwerwiegender sind und die uns die Aufgaben zeigen, vor die ihr gestellt seid. Zunächst sei dies überlegt: mit einem noch gojischen Kopf, mit einem Gemüt, das sich willenlos voll deutscher Art überwältigen und eutjuden ließ, läßt sich selbst eut Teilbezirk der ostjüdischeu Kultur erlebnishaft nicht ohne weiteres erschließen, zumal wenn er so eminerrt von jüdischen Merkmalen, und Besonderheiten durchsetzt und geprägt ist wie das Volkslied. Seht euch doch einmal das Volk an, wie es im Osten unter sich, in der Schul, im Cheder, auf dem Markt, in der Werkstatt, im Laden, und an religiösen und Häuslichen Festen verkehrt. Da ist doch ein ganz ausgeprägter, allen gemeinsamer Lebensrhythmns, der mit Westeuropa absolut nichts zu tun hat und sich deutschen Augen und Ohren nur mühsam enthüllt; da ist ein Tonfall, eine Geste, eine unmittelbare, ungezierte Art der Gefühlsäußerung im Guten wie im Bösen, im Gottvertrauen und im Hadern, in dev US

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