Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Einige Bemerkungen?um jüdischen UoUrslied Ich habe im Augustheft 1918 des „Jerubaal" einige unsailfte Worte sagen müssen über die leichtfertige Art, wie in der 2. Auflage des Blan-Weiß-Liederbuches mit dem jüdischen Volkslied umgegangen wurde, und ich weiß, daß mir das manche von euch verargt haben. Leider ist damr das, was ich dort voraussagteeingetreten: anstatt dem Volk und stillen Liederll vertrauter zu werden, ließet ihr euch durch die untauglichen und falschen Proben dieses Liederbuches bestimmen, recht geringschätzig und natürlich völlig ungerecht den jüdischen Volksliedern ihren Wert abzusprechen. Einer voll euch geht sogar soweit, im Februarheft dieser Blätter, Seite 95, den Gesängen unseres Volkes vorzuwerfen, man spure ganz deutlich, -,wie die jiddischen Lieder immer mehr zurücktrcten, wie ihr innerstes Wesen dem feineren musikalischen und menschlichen Gewissen der Jungens widerspricht". Ich spüre hier etwas ganz anderes, etwas, mit dem wir Ulls einmal ruhig und ohne Groll auseinandersetzen wollen. Ich sehe nämlich, daß kaum jemand voll euch im Jüdischen bereits so wurzelhaft ist, ein grobgestaltetes wertiges Volkslied von einer sentimentalen Nachahmung, einem Kauplet oder einem Operettenlied zu unterscheiden. Für das Echte am deutschen Volkslied habt ihr Instinkt und ein Empfinden; der deutsche Einfluß hat euch auch hier, im musikalisch Gefühlsmäßigen, gänzlich überwältigt, und euer Inneres, soweit es musikalisch gerichtet ist, zu ucitii Zehntel und mehr verdeutscht' Für das Echte am jüdischen Volkslied hingegen fehlen euch noch alle Organe; nicht etwa, daß sie verkümmert sind, — sie sind überhaupt noch nicht ausgebildet. Was man euch hier auch vorsetzt, das nehmt ihr unbesehen Hill und werft es dem Volk, das daran ganz unschuldig und unbeteiligt ist, vor. Ihr handelt so wie einst einer meiner ftanzösischen Freunde, ein musikalischer und kultivierter Mensch. Der äußerte sich einmal ebenso maßlos wie der oben zitierte Blau-Weiße in Bezug auf das deutsche Volkslied. Ich war natürlich gespannt, wie er wohl sein Urteil begründen würde, und mußte dann erfahren, daß ihm gutbürgerliche deutsche Leute „Die Lorelei" den „Ruf wie Donnerhall" und allerlei schmachtendes Zeug von Baumbach und Geibel als deutsche Volkslieder bcigebracht hatten. Stehen aber in den mcift untauglichen Büchlein und Sammlungen, in denen ihr das ostjüdische Lied vorzufinden hofftet, gültigere Stricke? Ich will hier die Beilagen von Ost und West, die Ausgaben von I. S. Noslin, von Ehrlich (Verlag Hübner. Nadworna) mit Schonung übergehen und, da ihr sie genauer kennt, die 2. Auflage des Blau-Weiß-Liederbuches j als ein typisches Beispiel wählen. Von den 18 jiddischen Liedern, die dort stehen, haben 11 mit dem Volkslied nichts zu tun; drei sind Parteilieder, sieben Kunstlieder „im Volkston" und eines stammt ans einer Goldfadenschen Operette. Nur sieben Lieder kann man irgendwie dem Volkslied zurechnen; davon sind aber vier recht ungeschickt gewählt. Sie stehen auf den Seiten 1.50, 152, 154, 164 und sind ziemlich matte Dinge aus den letzten Jahrzehnten, die keineswegs als gültige Proben der gewaltigen musikalisch - dichterischen Schöpferkraft nnseres Volkes anzusprechen sind. Im Ganzen verbleiben nur drei Lieder (Seite 102, 146. 148), die etwas von der anhaltendeu und grobgestaltenden Vrägnng durch das Volk erraten lassen; das anf Seite 103 (her not di scheen medele), das die unendliche Innigkeit und Süße unserer Liebeslieder bezeugen könnte, wird dazu in einer abgeschwächten und gekürzten Fassung geboten. Ihr seht, eS sieht recht kümmerlich ans mit dem Material, das sich euch 117