Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 4 (2.1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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rabikodex. Dort steht auch „du sollst nicht töten" und „du sollst nicht stehlen" (in anderer Form). Die Gelehrten schließen daraus und auS manchem anderen die Verwandtschaft der beiden Gesetzbücher. Ich bitte euch aber, lest mal dieUeLersetzung des Hammurabikodex (Der alte Orient, vierter Jahrgang) und die zugehörigen Bibelstellen; nur so könnt ihr euch über die babylonischen Gedanken Ln der Bibel ein richtiges Urteil bilden. — Ich will hier nicht ins Einzelne gehen, — wenn ihr die Quellen lest, werdet ihr alles, was ich jetzt sage, bestätigt finden. < Die Leitsätze, die dem Gesetzbuch Hammnrabis zugrunde liegen, find dieselben, wie beim Zwölftafelgesetz Noms, und sicher auch wie bei allen anderen einfachen Völkern der Welt, die Eigentum, Ehre und Menschenleben durch Gesetze zu schützen suchten. Das Babylonische Gesetz ist eine weitverzweigte und geistesscharfe Ausarbeitung jener Nechtsfätze, aber nicht mehr. Deshalb ist es meines Erachtens ganz undenkbar, daß dies Werk auf die Rechts ged au ken irgend eines Gesetzbuchs Einfluß haben kann; denn Hammnrabis Grundprinzipien muß jedes Volk a n ch a n s sich heraus aufstellen können. Aber gerade das jüdische Gesetz weist eine Fülle von Gedanken und Bestimmungen auf, die in keinem vorbiblischen Gesetzbuch gefunden sind, so die Bestimmungen über Sabbath und Erlaßjahr. Und die größte, unsterbliche Idee der Thora ist gänzlich unbeeinflußt von Hammurabis Werk: Die.Idee der sozialen Fürsorge, und eigentlich überhaupt — die Idee der Menschenliebe. So beschränkt sich die Ähnlichkeit der beiden Gesetzbücher auf ein paar gleichlautende Formeln. Entsprechend zu beurteilen ist das Verhältnis der babylonischen Göttermythen zu Bibel und Tradition. Was uns aus den Schöpfnngssagen der Babylonier erhalten ist, hat mit den Berichten der Bibel nicht einen Gedanken gemein. Die Ähnlichkeit beider Ueberlieferungen beschränkt sich auf gewisse Einzelheiten, die im jüdischen Schöpfungsbericht wahrhaftig keine große Nolle spielen: es handelt sich um die Vorstellung vom gespaltenen Urmeer um die Reihe der zehn Uibäter und nm die Erzählung vom Ansschicken der Taube in der Sintflutgeschichte (die Sintflutgeschichte selbst findet sich bei fast allen Völkern, die Inden brauchen sie also durchaus nicht von den Babyloniern übernommen zu Haberl). Es könnte jemand vielleicht auch annehmen, daß die Israeliten diese Sagenfragmerrte von den Kanaanitern, die unter babylonischem Knltnreinflnß standen, übernommen und mit ihrem vollkommen eigenartigen Jdeenkreis verflochten haben. Aber keinesfalls tarru man sagen, daß die Israeliten aus den Mythen anderer Völker etwas „gemacht" hätten. Es müßte sich dann zumindest das Gerüst einer fremden Sage in der Bibel Nachweisen lassen, und das ist nicht geschehen. Alle die durchaus hypothetischen Einflüsse Babyloniens oder Aegyptens beschränken sich auf gewisse Einzelheiten des Kultes und der Texte: sie find belanglos für den Geist der Bibel. Und für uns ist einzig dies Ergebnis der vergleichenden Forschung wertvoll und hochinteressant: daß tatsächlich die Inden, eingeklemmt zwischen zwei Welt- und Kulturmächte von allergrößter Bedeutung und Eigenart, ein restlos selbständiges Kulturleben zu führen vermochten. — 104