Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 3 (11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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.würde, es garnicht begreifen könnte, daß das Gebäude nicht znsammenstürzt. Erst wenn man ihn aus dem Dom heraussührt und zeigt ihm bie Streben, wird er es verstehen. Alsa auch hier wieder: man scheut vor keiner Konsequenz zurück, um im .Jnnenraum seinem Gesiihl für das übernatürliche, eine ziellose,. zwecklose Höhensehnsucht, Ausdruck zrl geben, und man meistert den aufs äußerste widerstrebenden Stoff auf eine in der Baukunst noch nicht dagewesene Weise. Denn bedenkt: diese Riesengebäude wurden ohne alle die modernen Hilfsmittel, der Eisenkonstruktion, Dampfkrane, Elektrizität usw. erbaut. Wie sinnlos 'sind deshalb die Streben Lei den modernen „gotischen" Kirchen, denn heutzutage kann der Baumeister einem Gebäude durch die Eisenkonstruktion den nötigen Halt geben. Wie lächerlich ist überhaupt dann, wenn man diese inneren Zusammenhänge erst einmal erkannt hat, das Vortäuschen von Formen und Zierrat, die der sinnvolle Ausdruck ihrer Zeit waren, aber unwahr werden, sowie Menschen mit anderen Gedanken, Empfindungen und technischen Hilfsmitteln sie rein äußerlich übernehmen. Uitb wenn Ihr erst einmal mit wirklicher Aufmerksamkeit und dem Willen, den Zusammenhang der einzelnen Teile eines Domes zu begreifen. Euch einen angesehen habt, dann bekommt Ihr — aber nur dam: — ein sicheres Gefühl für '.den geheimnisvollen Zauber und die unendliche Schönheit, die jedes echte Kunstwerk ans strömt. Und dann bekommt Ihr auch einen rein gefühlsmäßigen Maßstab dafür, das Echte in der Kunst vom Unechten, das Gute vom Kitsch zu unterscheiden. Dann werdet Ihr auf beit ersten Blick einen alten Dom von einer modernen „gotischen" Kirche unterscheiden. Denn bei dem alten Gebäude ist alles aus innerer .künstlerischer Notwendigkeit heraus gestaltet, gleichsam gewachsen, während die moderne „gotische" Kirche mehr oder weniger eine Theaterkulisse ist, die man willkürlich verschieben kann, die bei anderer Laune des Bauherrn, oder Baumeisters auch ebensogut oder schlecht hätte romanisch oder barock werden können. Da ist nichts Lebendiges, sondern alles gemacht und tot Viel könnt Ihr noch beobachten, wenn Ihr anfpaßt, wie das Bestreben obwaltet, die Wände aufzulösen, wie z. B. im Ostchor (dem östlichen Ende) des Freiburger Miinsters, wo die Wand durch sternartige Ausbuchtungen so gestaltet ist, daß die Fenster verdoppelt werden könnten, so daß man überhaupt fast keine Wand mehr sieht. Weiter, wie durch die farbigen Fenster der unirdische Eindruck gleichfalls erhöht wird. Dann seht Euch einmal die großen.und kleinen Standbilder an, die sich ganz der Architektur anschmiegen, die Teufelsfratzen und Heiligen, die Könige und Tiere, alle die Fabelwesen, die als Wasserspeier und Schlußsteine wie ein Heer phantastischer Spukgestalten auf und in so einem Münster ein versteinertes Märchenleben führen. Ich habe da manchmal das Gefühl, in einem Walde zu sein, wo allerhand Getier sein Wesen treibt. Und außen vor so einem Münster war mir ananchmal, als stehe ich am Fuße eines Gebirges, in dem ich tagelang herumstreifeu kann, um immer Neues und Schöneres zu sehert. Habt Ihr auch einmal bedacht, wie es wohl kommt, daß im Mittelalter gerade die Dome und Rathäuser, also die öffentlichen Gebäude, mit soviel Liebe und Hingebung gebaut wurden, während die Privathäuser im allgemeinen ziemlich armselig warens . Vielleicht schreibt mir. einer mal seine Beobachtungen und teilt’ße in beit Blauweiß-Blättern mit. Schalom , Glogau Ferdinand Ostertag 74 '