Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 3 (11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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wo er keine bauliche Notwendigkeit war, aber als solche ist er entstanden. Wie Ihr Euch jetzt denken werdet, ist die scheinbare Bündelung zahlreicher schlanker Säulen zu den gewaltigen Pfeilern auch kein Zufall. Sondern daß sich diese Eigentümlichkeit der Pfeiler int Laufe der Zeit immer mehr entwickelte, hängt ebenfalls mit dem Bestreben der gotischen Baumeister zusammen, das Wachsen nach oben ins unendliche recht stark zum Ausdruck zu bringen. Eine.Rundsänle, wie die griechische, wirkt doch viel ruhiger und geschlossener und vor allem am Boden haftender wie ein Säulenbündel. Denn, dann strebt nicht eine Säule empor, sondern gleichsam 20 und mehr auf einmal. Außerdem entstehen hierbei durch die vielen Einkerbungen viele Längsschatten auf dem Pfeiler, welche die Höhenrichtung gewissermaßen noch unterstreichen: Weiter nimmt, man den Pfeilern durch diese Bündelung viel von ihrer Massigkeit Diese Steinkolosse von Pfeilern erhalten etwas leicht beschwingtes, hemmungsloses. Das ist aber ganz unnatürlich. Denn der Stein, also das Material der Baukunst, gehört doch zu den von Hause aus am schwersten wirkenden Stoffen. Sein Wesen ist doch eigentlich Lasten und Belastetsein. Hierüber wird er zn einem Ausdruck des hemmungslosen Emporwachsens umgebildet. Er wird gewissermaßen seiner natürlichen Eigenart beraubt, und ein starker Formwille zwingt ihm einen ihm — gerade ihm — völlig zuwiderlaufenden Lebenszweck auf. Und wenn wir hier wieder an den Zusammenhang zwischen ttunststil und Zeitempfinden denken, so erkennen wir die Gotiker als Menschen, die das Unmögliche möglich machen wollten und denen dies auch in der Baukunst gelang, Menschen, die nicht vom Stoff, der plumpen Materie, abhängig waren, sondern die ihren'ganz entgegengesetzten Willen dem widerstrebenden Stoff aufzuzwingen vermochten. Geist gegen Materie. Es ist gesagt worden: die gotischen Baumeister bauten nicht mit dem Stein, sondern trotz des Steins. Und ebenso unnatürlich, wenn man das so nennen, kann, und dabei gerade so bewundernswert ist. es mit beu Streben, die ihr außen an den Domen seht. Die sind nämlich folgendermaßen zu erklären: Weil die Pfeiler im Innern des Domes so riesenhoch gebaut würden,, waren sie nicht so tragfähig, wie sie es zum Tragen des Daches eigentlich hätten sein müssen. Ebenso lag für die Seitenwände, die der: anderen Teil der ungeheueren Dachlast anSznhalten und noch dazu durch die vielen Fenster an Dichtigkeit verloren hatten, infolge ihrer gleichfalls unnatürlichen Höhe die Gefahr des Einsturzes nahe. Es kam also darauf an, einen Teil der auf Wänden und Pfeilern ruhenden Last abzulenken, und diesen Dienst verrichteten die von außen den Wanden Angeführten Streben. Der Gedanke, eine Wand durch einen mit ihr verbundenen Pfeiler tragfähiger zu machen, ,war nun an und für sich nicht neu. Sondern das neue und. für bic Gotik eigentümliche liegt darin, daß man diese Streben sichtbar mgchte. Während man sich also bisher in ähnlichen Fällen immer bemüht hatte, diese Streben, die doch eigentlich nur ein Notbehelf sind, möglichst in der Wand zu verstecken, sie möglichst unauffällig anzubringen, machte die Gotik aus dieser Not eine Tugend, offenbar auch aus der Freude, alles das zu unterstreichen, was aus jenem- Höhenrausch geschah. Wenn man die Streben also wegnähme, stürzte das ganze Gebäude zusammen. Ihr seht also, daß auch diese Streben kein willkürlich aus^ geklügelter Zierrat sind, sondern eine Notwendigkeit. Das geht soweit, daß jemand, der etwas-von der Baukunst verstehen würde,, aber noch nie einen gotischen Dom gesehen hätte, und der mit verbundenen Augen in einest solchen hineingeführt 73