Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 3 (11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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schlossen, daß unsere heutigen Baumeister in ihrem Denken und Fühletr beu Menschen von lioo oder 1300 gleiten. Wenn sie also trotzdem in dem alten Stil Lauen, kann das llicht ein natüilicher Ansdrnck ihres Inneren sein, sondern sie können die alten Gebäude nur nachahmen. Da sie also nicht so Lauen, wie es ihnen natürlich wäre, sondern so wie es anderen Menschen und Zeiten natürlich war, begehen sie eine künstlerische Unwahrhaftigkeit. Sie studieren also an den alten Bauten die charakteristischen Merkmale der verschiedenen Zeiten d. L. die Stilkennzeichen und stellen diese dann mit mehr oder weniger Geschick und Phantasie zusammen. Sie nehmen also vielleicht den Grundriß des Bamberger Doms, die Säulen ans Mainz, Schmuckstücke aus Speyer uiifc. die Türme ans Worms, eitriges wird geändert, einander angeglichen und eine Kirche in der Art der romanischen Gedächtniskirche in Berlin ist fertig. Das ist natürlich noch immer schwierig und es muß einer dazu ein kluger Kopf sein, aber mit Kunst hat das Ganze wenig zu-tun. Hat ein solcher Baumeister trotzdem etwas Künstlerblut in den Adern, dann kynn man es dem so fabrizierten Gebäude so nebenher ja noch anrnerken. Aber dann liegt es nicht an dem sogenannten Stil, sondern an dem Tropfen Künstlerblut. Ihr seht also: mit dem Wort Stil wird arger Mißbrauch getrieben. Die Stilmerkmale sind noch lange nicht der Stil. Stilmerkmale kann man erlernen, kann man wie Kleider wechseln, Stil muß man haben. Alan kann überhaupt nur in seinem eigenen Stile bauen — wenn man einen hat. Doch das ist eine andere Frage. Jedenfalls 'fcum man nicht im Stile einer vergangenen Zeit bauen, ebensowenig wie man es vermag, ein Mensch jener Epoche zu.werden. Man kann immer nur Stilmerkmale uachahmen. Wem's genügt. Was sind mm die Hauptmerkmale des gotischen Stils? Da fallen uns gleich .vier Dinge ein: Spitzbogen, Pfeiler, die foflcuamitcu Streben und himmelrageude Türme. Alle vier Kennzeichen haben etwas Gemeinsames: daß sie alle nach oben weisen. Der Turm am meisten, wie ein Niesenfinger. Da sein unmittelbarer Nutzzweck, Glockenträger 31t sein, seine riesige Höhe nicht rechtfertigt, wird er tatsächlich um dieses Höhenstrebens willen da sein. Wenn wir vorhin sähen, daß der Baustil der natürliche Allsdruck des Gesamtempsindens eines Volkes und einer Zeit in der Baukttnst ist, so werden diese gewaltigen Türme, die das Altertum z. B. garnicht als Selbstzweck kannte, wohl einer Art Höhenrausch ihr Entstehen verdanken. Wrr müssen auf Menschen schließen, die eine unermeßliche Sehnsucht trieb, immer höher und höher 31t wollen — bis ins uilelldliche, immer unirdischer zu werden. Beim Spitzbogen liegt der Zusammenhang nicht so offen zutage. Um seine Entstehung zu begreifen, müssen wir ciumat in eitlen Dom hineingehen. Was uns hier sofort am meisten auf fällt, sind die ungeheuren Pfeiler, die wie Riesenbänme oft m ganzen Bündeln überschlanker Säulen emporschießen, viel höher, als es der Breite des Raumes entspricht. Denken wir zum Vergleich *au griechische Tempel, so gleicht sich dort Höhe und Breite immer ans. Es entsteht dadurch Abgeschlossenheit, Ruhe, Harmonie. Hier, aber empfinden wir das Gegenteil: Unbegrenztheit, ein schwinde!» erregendes Gefühl, in die Höhe gerissen zu werden. Die Pfeiler wachsen und wachsen, ziellos scheinbar, zwecklos. Da sie. aber schließlich einmal Halt macken müssen, so weiten sie sich wie Bärrme auseinander und wachsen zusammen. So entsteht der Spitzbogen. War man nun erst einmal auf rein architektonischem Wege zu ihm gelangt, so übernahm man ihn auch aus rein dekorativen Gründen, da, 72 .