Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 3 (11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Etwas über Kmiststil, insbesondere den Gotischen Liebe Gefährten, Zum Schönsten, was wir auf unseren großen Fabrten besonders in Südnnd Westdeutschland zu seheil bekommen, gehören doch die großeil Kirchen aus dem Mittelalter, die man Dome oder Munster oder auch Kathedraleil nennt. Ihr wißt, daß die einen im romanischen Stil gebaut finb wie in Bamberg und Mainz und' die anderen im gotischen Stil ivie die Jakobskirche in Rothenburg und die Sebaldus- und Loreuzkirche in Nürnberg. Manchem von Euch wird aber auch schon aufgefallen sein, daß marlchmal an denselben Donlen einige Teile gotisch und andere romanisch sind. DaS ist zum Beispiel beim Straßburger Münster so. Wie kommt das? Wenn hellte jemand ein Gebäude errichtet, wird cs ihm doch nicht einfallen, in verschiedenen Stilen zu bauen, sondern die Einheit des Stiles gilt doch gerade als ein Zeichen von gutem Geschmack. Aehnlich wie.im einfachen Biedermeierzimmer ein prunkvoller veiletianischer Spiegel oder im sralizösischen Nokokosalon ein schwerer eichener Tisch stören würde. Sollten die alten Dolnbaumeister weniger Kunstsinn besessen haben als wir? Höchst unwahrscheinlich, eher ist bei Berücksichtigung ihrer großen Kunstwerke allzunehmcn, daß wir ihnen an Kunstsinn llachstehen. ED muß also eine bestimmte Ursache haben, daß sie romanisches neben gotischem anstandslos stehen ließen. Die eine Ursache ist die> daß all einem Dome viel, viel länger gebaut wurde als wir nnS das verglichen mit modernen Bauten überhaupt vorstellen können. 100 Jahre ist so ziemlich das Mindeste, so daß niemals der Baumeister den Bau beendete, der ihn begonnen hatte. Nicht einmal Menschen derselben Zeit waren cs, sondern zwischen ©nmbfiem und Schlußstein war die Weltgeschichte nm ein erhebliches Stück vorgerückt. So wurde das Straßburger Münster 1176 begonnen, etwa 100 Jahre später wurde die herrliche Fassade errichtet, weitere 100 Jahre später tnr eine Turm begonnen wtb 1439 vollendet. Der andere Turm ist bis heutigen Tages unvollendet. Zwischen I2O0 und 1300 liegt aber der entscheidende Uebergang vom romanischen zum gotischen Stil. Nun verstehen wir, wie es möglich ist, daß Teile des Münsters romanisch, andere gotisch sind. Daraus folgt aber etwas sehr intereffanteS und wichtiges, daß nämlich der Kurlststil in jener alten Zeit ein lebendiges Gewächs war, das sich mit dem Fühlen und Denken der Menschen veränderte. Er war also cigerltlich nichts anderes als der natürliche Ausdruck des Fühlens und DellkenS der Zeit, ausgedrückt in der Baukullst. Man baute/ daS geht aus dem Nebeneinander zweier Stile an ein und demselben Dome hervor, nicht bewußt in dem oder jenem Stile, sondern so wie einem sozusagen ums Herz war. Man überlegte nicht, ob man „gotisch" oder „romanisch" ballen sollte, sondern man baute so wie mall ballen mußte, wenn man feinem natürlichen Empfinden folgte. Ich glaube beinahe, man hat lange Zeit, als man schon „gotisch" baute, noch gar nicht recht gemerkt,, daß es anbers war als 100 Jahre vorher, wo es noch romanisch war. Der gotische Stil entwickelte sich ganz ltatitr(id) aus dem romanischell entsprechend dem Wandel im allgemeinen Empfindungsleben. Und das ist die tiefere Ursache dafür, daß man gotisches »eben romanischem ruhig ließ. Mail empfand das gotische nicht als „gotisch", sondern als natürlich. Wie verhält sich das alles nun zu dem, was unsere modernen Baumeister tun, wenn sie gotische Postgebäude oder romanische Bierpaläste bauen, oder die GedächtniSkirche in Berlin, die in romanischem Stil gebaut ist? Es ist doch ausge- 71