Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 3 (11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bekommen. So trennten wir uns am ersten Tage. Er. sagte übrigens, daß in Rußland nur 80 000 Zionisten sind. Die meisten sind Territorialisten und Sozialisten und in nichtjj'ldischen Parteien organisiert. Der Kiewer ist Mitglied der Poale-Zion. — Am zweiten Tag kamen sie also wieder. Ich hatte die letzten 6 Rundschannummern mit tu die Synagoge genommen. Heute uahrn jedes der Ge» mcindemitglieder einen zu sich, um ihn in das Machsor einsehen zu lassen; denn cs konnten nicht genug Machsorim anfgetrieben werden. Später gab ich meinem Freunde die Zeitungen. Er freute sich sehr. Ueberhanpt freuen sie sich über die geringste Liebe, die man ihnen tut. Manche erkannten mich sogar wieder als den, der ihnen Purim vor einem Jahre im Gefangenenlager die Megillah vorgelesen hatte. Der Kiewer schenkte mir aus Freude über die Rundschau eine Medaille, die die Wähler des zweiten Kongresses bekamen. Auf der Vorderseite ist ein Magen David mit einem Prophetenvers und eine Unterschrift, die das Präsidium des 2. Kongresses als Ausgabestelle der Medaille kennzeichnet, und auf der Rückseite die Bilder von Herzl, Nordau, Mandelstamm, Lurja und Nester. Ich trage die Medaille an meinem KJVer-Zipfel, und so wird mir dieser Tag, wo ich Gelegenheit hatte, mit Ostjuden zusammen zu sein und ihnen etwas, wenn auch eine Kleinigkeit zu tun, unvergeßlich bleiben. Ich habe ihm versprochen, ihm auch weiterhin die Rundschau zu schicken, und hoffe auch, ihm schreiben zu können und ihn völlig zum Zionisten zu machen. Am meisten freute mich, zu sehen, wie nahe sie uns standen und mit welcher Brüderlichkeit der Verkehr mit ihnen vor. sich ging. Sie bekamen Mittag von der Gemeinde ans. Breslau Martin Pleßner Nächtliche Fahrt „Wie spät ist es jetzt — Vr5 vorbei; bis Baierbrunn sind 8 Kilometer und um 6 Uhr 39 geht der Zug Gut, den erreichen wir noch, aber wir müssen tüchtig klotzen!" — Und S. H., unser Führer, begann zu klotzen. Wißt ihr, was das heißt? Das bedeutet: wer ihm Nachkommen will, muß beinahe Laufschritt anschlagen. Am Anfang geht alles ganz gut. Wer zuvor noch über kalte Füße oder steife Glieder geklagt hat, der schweigt wohlweislich, um nicht ein noch schnelleres Tempo heraufznbeschwören. Aber, zum Kuckuck, jetzt ist mir ein Steinchen in den Stiefel gedrungen und zwar ein ganz spitzes. Das geniert mich natürlich ganz ge» mein. „S., hör 'mal, ich Hab 'n ©teilt im Fuß." Aber meine Qualen rühren ihn nicht. „Ich 'n Knochen", lautet die lakonische Antwort. Und unentwegt klotzt er. weiter! Was soll man da machen? Zurückbleiben ist nicht ratsam — aber der verdammte Stein sticht, und es bleibt mir keine andere Wahl. — Pustend und trotz der Kälte vor Schweiß triefend lande ich beim Zug wieder an. Aber auch die Kräfte der anderen lassen allmählich nach. Sie bleiben bereits hinter S. zurück. Der schimpft zwar wie ein Rohrspatz, das sei überhaupt noch gar kein Klotz, wir seien Schwächlinge, er sej in seiner Jugend viel besser geklotzt usw. usw. Es hilft ihm aber alles nichts. Die Entfernung vergrößert sich immer mehr, bald sieht man nur noch eine weiße Hose und einen Hemdkraggn und dann verschwindet.auch das hinter einem Hügel. * *6