Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 5 (1917-1918)
- Issue
- 5 (2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425321-3181713-3181718--0932-3182727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Monatsschrift „Der Jude" von Arno'Nadel veröffentlichten ostjüdischen Volkslieder, die Novellen von perez (Insel > Verlag), die ostjüdische Anthologie des Verlags Kiepenheuer, das „Buch von den polnischen Juden", das Sammelwerk „Treue" und das „Dreibuch" (Jüdischer Verlag, Berlin), endlich der „Born Judas" (Inscl-Verlag), diese Bücherreihe erschließt eine heute im Westen noch nahezu unbekannte oder arg verkannte Welt. Ich lege das Buch über das Taylor > System weg und verliefe mich in eine schöne Novelle Schalom Asch's vom „Ruhetag". Der Ruhetag wird hier mit derselben Gründlichkeit, mit demselben unerschütterlichen Ernste geregelt, wie in Amerika der Arbeitstag. — Zwei Welten! Der £}ölle entronnen, glaube ich fast ins Paradies einzutreten. Der Geist, der hier regiert, ist freilich ein wenig kurios und, um ganz gerecht zu sein,- nicht in allen seinen Aeußerungen sympathisch. Man könnte sich ihn manchmal weniger kleinlich, weniger zerknittert vorstellen. Aber handelt es sich denn darum, Geist vorzustellen? Ihn zu leben, das heißt: in einer realen großen Menschengemeinschaft zu leben und dennoch dem Geist täglich und überall den ersten Platz zu vergönnen, alles nach den Bedürfnissen der Seele und nicht nach denen der Industrie zu bemessen: das ist das Problem. Möglich find gewiß noch geistigere Welten. Von allen aber, die ich wirklich kenne, ist diese trotz ihrer handgreiflichen Unvollkommenheiten immer noch die beste. Richtig ist, daß sich viele der mitgeteilten Dichtungen, Märchen. Legenden auf eine vergangene Epoche beziehen. Aber des Gegenwärtigen bleibt noch genug und wirft die allerernsteste Frage auf, wie man das Gute der alten Gesinnung erhalten und dabei ein lebensfähiges Wirtschaftssystem" (ohne Taylor«Kultur) schaffen könnte. Merkwürdiges Land, in dem das Griechenwort „Altern und immer noch lernen" buchstäbliche Wahrheit wird. Denn der Zweck des Daseins gipfelt hier in ununterbrochenem „Lernen", im Studium bei Tag und bei Nacht, wie es Agnon in seiner schönen Novelle von jenem Rabbi berichtet, -essen Kerze unfreiwillig den Schmugglern allnächtlich den Weg zeigt. (So diente Flauberts Studienlampe den Fischern als Leuchtturm. Fiaubert aber' war eine Ausnahme, dieser Rabbi hingegen nichts als Durchschnitt, einer von Unzähligen.) Und es ist kein leeres, tatenloses Lernen, sondern in ihm selbst ist der Weg der Tat und des reinen Lebens einziger Gegenstand. Taylor, der moderne Prophet der Arbeit, wird sogar noch das