Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 5 (1917-1918)
- Issue
- 3 (10.1917)
- Date
- 1917-10-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425321-3181713-3181716--0843-3182636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Heit und deS Landes zvrechtgemacht haben, d. h. im Einklang mit dem Leben, da- Wir nach dem Willen her anderen zu leben gezwungen sind, und im Einklang mit de« Geist, der in den Welten der anderen weht. Wir besitzen ein AnpaffungStalent, dasich im Maluth.entwickelt hat — die Erzeugnisse des Lebens der anderen nach unserem Geiste zu bearbeiten und aus der Frucht ihrer Arbeit Leckerbissen für unseren Ggmnen znrechtzumachen. WaS wir foitfi noch haben, ist die Erkenntnis und da- Gefühl, daß wir nichts besitzen, also ein grobes Minus. In diesem unnatürlichen Zustand Haben wir den natürlichsten Anteil au Meinungen, Literatur, Dichtung. Zn diesen Dingen schaffen wir allerdings vieles Neue und feufen manchmal viel schöpferisches Talent hinein. Aber zu einer lebendigen Kultur fehlt noch viel. Eine Lebendige Kultur umfaßt das ganze Leben. Alles, was das Leben um des Lebens willen schafft, ist Kultur. Erdarbeit, Häuserbau, alle Arten von Bauten, Straßenaulegung usw., jede Arbeit, jedes Werk, jede Tat ist Kultur, d. h. die Bastder Kultur, ihre Materie. Die Ordnung und Art und Weise, wie alles getan wird ist die Form der .Kultur. Alles, was die Tuenden zur Zeit und außer der Zeit ihres Tuns fühlen, denken und erleben, und die Beziehungen, die aus alledem in Verbindung mit der in allen lebenden Natur entstehen, machen den Geist der äultur aus. Ans ihm speist sich die höchste Kultur - die Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Poesie, Ethik, Religion. Diese höchste, sublimierteste Kultur, die diejenigen im Auge haben, die bei unS von Kultur sprechen, stellt nur den Rahm der Kultur dar, der Kultur im weiten Sinne. Aber kann man Rahm ohne Milch Herstellen? Oder ist eß möglich, ans fremder Milch eigenen Rahm zu gewinnen? Was suchen wir in Palästina, wenn nicht eben das, was wir nirgends in bet Welt finden — die lebendige Milch der Lkultur? Nicht eine akademische Kultur wollen wir heute, wo wir nichts besitzen, sondern eine Kultur des Lebens, in deren Zellen und Atomen die akademische eingebettet ist — eine Kultur des Lebens, die nur des SichaüsetzenS bedarf, damit aus ihr der Rahm, die höchste Kultur, gewonnen werde. Wir wollen die Philosophie des Lebens, die Kunst des Lebens, die Poesie des Lebens, die Ethik des Lebens und die Religion des Lebens schaffen. Uub man darf hiuzufngen: die Brücke des Lebens, die lebendige Brücke zwischen Gegenwart «nd Vergangenheit. Wir wollen leben, unser Leben schaffen, Leben nach unsere« Geiste und unserer Art. Hier aber fühle ich mich verpflichtet, einige klarere Worte zu sagen, obwohl die Sache nach dem Vorhergehenden sich von selbst versteht. Wir sind doch Kinder des Gottes, der das All durch den Spruch seines Mundes geschaffen hat. Und wenn ich von „Schaffen" spreche, so sind wir doch die unvergleichlichen Schöpfer, die mit einem kurzen Wörtchen alles zu schaffe» vermögen. Darum muß man es ganz einfach sagen: Alles, was wir in Palästina wünschen, besteht darin, daß wir mit unseren eigenen Händen tun, was das Leben ausmacht; daß wir eigenhändig alle Arbeiten, Werke und Taten vollbringen, angefangen von den gelehrtesten, Wüsten und leichtesten bis zu den gröbsten, verächtlichsten und schwersten; daß wir alles fühlen, denken und erleben, was der diese Arbeiten verrichtende Arbeiter fühlt, denkt und erlebt; dann werden wir eine Kultur haben, denn dann werden wir Lebe» haben. Was folgt daraus für uns? Eigentlich ist es ganz einfach und klar. Es folgt daraus, daß von nun an unser Hauptideal die Arbeit sein muß. Wir haben an der Arbeit Schaden genommen <ich sage nicht: wir haben gesündigt, denn es ist nicht unsere Schuld, daß es so