Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 5 (1917-1918)
- Issue
- 1 (5.1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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gaben der hagadah las, die von dem berühmten Rabbi Jakob aus Dubno, dem Dubnoer Maggid, mit Erzählungen reich ausgeschmückt ist. Anschließend an die ersten Worte der hagadah erzählte einer von den Dreien folgendes: In manchen hagadoth steht „Ha lachmi an ja": „dies ist das Brot des Elends*, in anderen „k’ha lachma anja* „wie dieses ist das Brot des Elends." Welches ist der Unterschied zwischen den beiden Ausdrucksweisen? Ein Gleichnis macht dies klar: Es lebte einmal ein Jude, ein armseliger Mann. Seinen Lebens- Unterhalt verdiente er kümmerlich, indem er von Stadt zu Stadt zog und half, wo ^r Arbeit fand. Durch glückliche Zufälle-brachte er es doch zu einigem vermögen, so daß er sich str seine Familie in einem Dorfe Häuser und Acker kaufen konnte. Doch an die Zeit seines Elends vergaß er nicht. An dem Tage, an dem er von seinem Grund und Boden Besitz ergriffen hatte, zog er in jedem Jahre jene Kleider an, die er als armer Arbeiter getragen hatte, und fuhr mit seinen Kindern und seinem Hausstand in die Stadt. Dort wurden alle reich beschenkt. Die ganze Familie freute sich auf den Tag, an dem der Bauer seine schlechten Kleider anzog. denn jeder kannte die Bedeutung des Symbols. Der reiche Mann hatte aber Unglück und verlor sein ganzes vermögen. Er mußte sich dazu entschließen, seine alte Beschäftigung wieder aufzunehmen und zog seine alten Kleider an, um wieder mit der Wanderschaft zu beginnen. Die Kinder wußten von dem bösen Schicksale ihres Vaters nichts. Als sie ihn in den ärmlichen Kleidern sahen, freuten sie sich der Geschenke, da sie nun wieder bekommen würden. Der Vater aber sagte ihnen: „Im vorigen Jahre noch war ich ein reicher Mann und habe die Kleider nur zum Andenken an die Wohltaten, die mir Gott erwiesen hat, angelegt, heute aber kehre ich aus Not zu meiner alten Beschäftigung und zu meinen alten Kleidern zurück." Diese Geschichte ist geeignet die doppelte Ausdrucksweise der hagadah zu erklären. Als das jüdische Reich noch bestand, da aßen wir die Mazzoh, das Brot des Gends, nur als ein Andenken an die Wunder, die unsere Ahnen beim'Auszüge aus Eygypteu erlebt hatten. In jener Zeit der Freiheit konnte man sagen „k* ha lachma anja", „wie dies ist das Brot des Elends". Später aber, als unsere Ahnen aus dem heiligen Lande vertrieben waren, als fie die Leiden des Mittelalters, die Leiden des Galuth ertragen mußten, da litten sie wieder so wie im Galuth Mizraim. Zu dieser Zeit schrieen sie am j)eßachadend: „ha lachma anja", wir erleiden das Elend Eygyptens. Heutzutage, wo die Lage der Juden sich wieder gebeffert Hat, könnten wir sagen „k’ha lachma anja* „wie dieses ist das Brot des Elends", „Ich aber, so endete der Erzähler, ich sage immer noch: „Das ist das Brot des Elends." Erst wenn die Hoffnungen erfüllt sein werden, mit denen diese Verse der hagadah endigen: „lvscbauab hahaah bearah dejisrael“, ltschanah habaab bno chorin", erst wenn wir wieder im heiligen Lande wohnen werden, €tft wenn wir alle uns der Freiheit wieder freuen können, dann werde auch ich wieder die hagadah mit k’ha lachma anja beginnen." Br esläu Martin Nothmann 53