Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 4 (1916-1917)
- Issue
- 6 (4.1917)
- Date
- 1917-04-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Gefürchtete Tierchen Wie lächerlich es ist, wenn sich ein junger Mensch draußen vor irgend eurem Tierchen, sei es eilte Spinne oder Eidechse, fürchtet, das haben wohl manche von euch schon empfunden: Der Herr der Schöpfung schreit bei dem Anblick eines ganz harmlosen Lebewesens jäh auf und läuft davon. Meistens fiiib dies Menschen, welche auf der ganzen Erde nichts anderes zu sehen gewohnt sind als ihresgleichen und deren Wirken und oft bewußt, öfter jedoch unbewußt, den Menschen als einzig lebensberechtigtes Wesen betrachten. Wenn nun irgendwo ein Grashalm zittert, so fühlen sie sogleich eine Furcht vor der Verschwörung der unterdrückten Tierwelt. Allen kann man ja doch keine Zügel anlegen, Maulkorb oder Fnßfesseln geben. Besonders bei den Mädchen tritt die Furchterscheinung wohl am krassesten zu Tage. Dies läßt sich gewiß ganz leicht erklären: Gerade ihnen fehlte bis heute die Möglichkeit, in Wald und Wiese mit Tier und Pflanze vertraut zu werden. Ich erinnere mich an zwei Wanderungen, auf denen ich. ganz besonders durch die Angst, die ich einmal bei einigen Mädels, das andere Mal bei einem Burschen sah, zum Nachdenken über diese Dinge angeregt wurde. Ich habe damals sogleich mit dem mir auch noch einzig wirksam erscheinenden Mittel gegen die Furchtsamkeit angekämpft und sicherlich einen ganz schönen Erfolg gehabt. Es war an einen: schönen sonnigen Sommermorgen im Wiener Wald. Bei der ersten Nast in einem Buchenwald voll schlanker eng gepflanzter Bäume gab es die erste so unangenehm wirkende Schreierei. Es waren Mädels von 12 bis 14 Jahren und Bube:: im gleichen Alter. Die Buben, wild und möglichst darauf bedacht die die Mädels zu ärgern, hatten auf dem Zopf einer Wandrerin eine Spinne entdeckt. Entweder fürchteten sie sich selbst ein wenig oder war es auch nur Schadenfreude; jedenfalls wollten sie die Spinne vom Zopfe nicht wegnehmen und sahen mit teuflischem Vergnügen dem Schütteln des „Opfers" zu. Das Mädel mühte sich vergeblich, das Tier, das sich mit seinen „langen ttratthaxen" im Haar verfangen hatte, loSznwerden. Ich erwischte den fliegenden Zopf, nahm die Spinne herunter und betrachtete sie eingehend. Darob natürlich großes Erstaunen. Ich zeigte ihnen nun, wie schön so ein Tierchen eigentlich ist, wie es läuft und sich von der Hand zum Boden spinnt, wie alles so fein und klein eingerichtet ist, daß die Spinne leben und fressen kann. Da wurde alles ruhig. Während des Essens sah ich unfern der rastenden Gruppe dasselbe Mädchen, welches vorher den Tanz aufgeführt, bei einem Buben stehen, der in der Hand eine Spinne hielt; beide betrachteten sie sehr aufmerksam. Es mag sein, daß diese Besserung nicht sehr lang uachgehalten hat, aber 'ich bin überzeugt, daß eben nur durch ruhiges Zeigen ein Erfolg zu erwarten ist. Da hilft wohl keine Ironie und kein Auslachen und Schrecken. Der zweite Fall war eigentlich fiir mich weit lehrreicher. Denn es handelte sich hier nicht um kleine Mädchen, sondern nm einen wirklichen gescheiten Burschen von ungefähr 17 Jahreü, welcher noch nicht lang bei uns war. Ich war während des Tages öfters mit ihm allein gegangen und er erzählte nur manches von sich: daß er eigentlich, bevor er zu uns kam, gar nichts vom Leben der Tiere gesehen habe, da er nie aus dem Großstadtdunst herausgekommen war. Er freute sich über jeden Vogel und jedes Häschen. Noch nie habe ich die W