Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 4 (1916-1917)
- Issue
- 4 (12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Trotzdem ist jeder Bund ein Individuum für sich. Durch die Menschen wird der Ton gemacht. Also ist der Ton in jeder» Bunde anders. Und das ist gut so. Nur durch Differenzierung kann ein Fortschritt ermöglicht werden. Jeder Bund unternimmt etwas anderes. Die Korrespondenz übermittelt diese Versuche in Form von Anregungen den anderen Bünden. Dies geschah bislang nur Ln Diskussionen -er Führerschaften. Das muß aber auch auf die Wanderer ausgedehnt werden Dazu gibt es ein gutes Mittel, das versenden von Liederblattern. Der Bundestag hat gezeigt, daß in einem Bunde Lieder gesungen werden, die der andere nicht dem Namen nach kennt. Hier sollen die Wanderer die Verbindung der Bünde Herstellen. Sie sollen chre Lieder den andern schicken. Vervielfältigt die Lieder, möglichst m i t Noten, und schickt sie herum, zunächst je ein Exemplar! Fürchtet nicht, daß die andern die Lieder schon kennen. Das schadet nichts, es wird dadurch ein Briefwechsel angeregt, der von wert ist. Außerdem kennzeichnen die Lieder, die ein Bund fingt, feinen Charakter. So wird der Liederaustausch zum Gedankenaustausch. Aber nicht nur das. Ihr könnt auch andere Bünde um Lieder bitten, die ihr haben möchtet. Ich mache hiermit den Anfang, in dem ich die Berliner um den vollständigen Text von „Maasseh wigdi" bitte. Ueberlegt es euch einmal. Ich bin gespannt, wann ich das erste Liederblatt erhalle. Es können übrigens auch, was vielleicht noch erwünschter ist, Photographien mit kurzen Fahrtenberichten dazu getauscht werden. Breslau M a rtin Pleßner Kaiser-Wilhelm-Str. 5/7 I. Ein Lhanukkah-Lrlebnis Thanukkah ist wieder da, und ich erinnere mich eines Erlebnisses, das ich Euch erzählen will. Ich besuchte meine Verwandten, die dicht an der russischen Grenze wohnen. Zn der Stadt sieht man viel polnische Jude!», deren Sprache ich nur schwer verstehe. Kurz vor Feiertagsbeginn suche ich die enge Seitenstraße auf, die mit ihren dunklen Kellerräumen von den Juden bewohnt.wird. Ich soll noch Aepfel für den Abend kaufen und steige einige Stufen in einen Südfruchtkeller hinunter. Eine junge Frau sitzt auf dum Holzschemel, in Gedanken versunken, und bemerkt mich nicht. Durch eine halboffene Tür sehe ich in eine niedrige Kammer, die von einem kleinen Licht notdürftig erhellt wird. Die Frau zieht das Tuch fest um die Schaltern und seufzt leise. Da tönt aus der Kammer leises Summen von einer Liefen Männerstimme, und die Frau horcht auf. Aus einer Ecke kriecht etwas Vermummtes hervor, und ich erkenne einen etwa achtjährigen Knaben, im langen Kaftan, der mich fragend anblickt. Ich sage, daß ich Aepsel kaufen will, und der Junge wiegt mir das Gewünschte ein. Ich bezahle, bleibe aber noch in dem düstern Raum stehen. Zch muß sehen, was weiter wird. Von drinnen ruft dieselbe Stimme die beiden hinein, und nach einer. Weile schleiche auch ich mich leise an die angelehnte Tür. Leber den Tisch ist eine weiße Decke gebreitet, darauf steht eine schwere, alte Meuorah. And jetzt erkenne ich einen rüstigen Alten. Er hält den Siddnr in der Hand und zündet dgS erste Licht an. Die Frau blickt sinnend zu Boden, und der 99