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Blau-Weiss-Blätter · 1916-06-01 · 1 (6.1916) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
4 (1916-1917)
Issue
1 (6.1916)
Date
1916-06-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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rufend, zog der Mann, begleitet von dem Pauker und den „Kies* mern" durch die ganze Stadt. Alsbald schloffen sich alle Läden, man zog sich Schabboskleider an und pilgert« zu dem Grabe Sems und Ewers, der Söhne Noahs» Diese Stätte gehört den Arabern, liegt inmitten des arabischen Fried» Hofes neben einer Moschee. Rein Andersgläubiger darf sie betreten, auch die Araber nur in ganz außergewöhnlichen Fällen. Für die Juden war sie das letztem«! vor sieben Jahren geöffnet, als Menschen, Tiere und Felder nach Regen schmachteten und ümzukommen drohten, so wie an dem heutigen Tage. Und Scharen von Männern, Frauen und Rindern zogen durch die engen Gassen, bergauf, bergab. Greise und ganz alte gebückte Frauen scheuten sich nicht, den schmalen, felsigen Weg zum arabischen Friedhofe hinaufzuklettern. Alle zogen sich die Schuhe aus, zwängte» sich durch die kleine Pforte in das Innere des Grabgewölbes. Ein ohrenbetäubendes, fürchterliches Geheule schlug uns entgegen. Gestalten konnten wir kaum erkennen, so dunkel war es. In der Mitte sahen wir nur etwas Langes, hageres, das sich hin und her bewegte^ mit lauter Stimme «in paar Worte rief, und um ihn herum zappelnde, kleine Gestalten, di« ihm mit schreiender Stimme antworteten. Es war dieses eine arabische Rnabenfchule mit ihrem Lehrer. Uns Juden wurde bedeutet, weiterzugehen, hknabzustsigen zu den eigentlichen Gräbern. Und kein Araber durfte zu dieser Stätte folgen. Uns Juden schickten sie hin, die Nachkommen zu den Ahnen, und kein Fremder sollte die Zwiesprache zwischen Eltern und Rindern stören. Und wir Juden bückten uns ganz tief, krochen fast auf allen Vieren durch das kleine Loch und stiegen in gebückter Haltung, den Ropf jeden Augenblick gegen einen Felsvorsprung stoßend, die Stufen hinunter in ein finsteres Nichts. Allmählich sahen wir, wo wir waren. Ab und zu blitzte «in Lichtchen auf von einem Gellämpchen oder einer kleinen Rerze, beleuchtet« das Antlitz eines alten, langbärtigen Juden, der still und inbrünstig vor sich hin betete, ließ einen Jüngling erkennen, der das Gesicht an die Mauer preßte, leidenschaftlich den Stein küßte und immer wieder küßte, während heiße Tränen über dir bleichen, hohlen Wangen liefen. Es war ein kleiner Raum, zwei Gräber waren in ihm und alles drängte sich um die Grabsteine, nur einmal sie küssen, dann beiseite treten und beten, weinen, schreien. And plötzlich ertönte eine Helle Stimme: „Adonai, Adonai el Rachum". 6 '

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