Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 3 (1915-1916)
- Issue
- 3 (9.1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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HI, Ich habe noch niemals so mächtig empfunden; Mit welch unzähligen, unzerreißbaren Zauberfäden man mit der Heimat verbunden ist, wie in den Tagen, der plötzlich fremde Laute, fremdes Tun, eine fremde und feindliche Welt, inmitten lieber Kameraden, mich umfing. Die Natur war so schon, so wunderschön, voll heimatsüßer Sommerwonnen; die Kastanien beugten sich und stüsterten, wie auf dem Altan des Heidelberger Schlosses, und plötzlich sah ich nichts mehr von der verschwiegenen Feinheit des französischen Schlosses, in dem sich Kunst und Kunstsinn mancher Jahrhunderte offenbarten; die Sehnsucht ward übermächtig in meinem Herzen; verbummelte Mainächte im Heidelberger Kastanienwald, feuchtfröhliche Kahnfahrten auf dem Neckar, sorglose Wanderungen ohne Rast und ohne Ziel, sie drängten sich in meiner Seele zusammen und bekamen Allgewalt und riefen: hinweg, hiweg von hier. .... Und gleichzeitig tauchten die Schatten lieber, unvergeßbarer Blau-Weißer auf, mit denen zusammen ich vor einem Jahr den jungen Mai nachts begrüßt hatte; sie waren hoffnungsfroh und unberührtvon wundersamer Reine, und jetzt liegen sie verscharrt im Sande der Lhanrxagne, wenige Kilometer von mir. Es war wieder die Heimat, die sprach, aber in anderen Klängen als vorhin, nicht mehr nur in lockender weife. Erinnern an Erlebtes, das niemals mehr fo wiederkommen wird, in Tönen unsagbarer Trauer; so klang es jetzt. Ls ist Krieg, es ist Krieg, sprach es, du hast das Veste verloren, und wer weiß, ob nicht in dem Vergangenen der Friedenszeit auch deine Jugend, dein Frohsinn, das Grab deiner besten Freundschaft liegt. Und es sangen die Vögel in der weißen Sommernacht voll verhaltenem Weh, wie zu Hause, und zitternd malte der Mondenschein über Trümmerstätten und Gräber, über den weißen Fluß und die schlafende Stadt glitzernde Lichter. * An einem klaren Sonntagnachmittag war es; die ersten Vorahnungen des kommenden Herbstes lagen schon in der blauen Sommerluft, als ich langsam die Sttmden der Wacht abrrat. Ein Gewitter zog auf und verschwand. Dunkelgrün leuchtete der Wald, und azurblau reckte sich das Gebirge, zum Greifen nahe, an dessen Flanken ich jeden Baum erkennen konnte, die Höhen kahl und teilweise angebaut; die Vorberge mit Burgen geschmückt, die weiß und unerreichbar erglänzten. wenige Schritte entfernt find die Zeichen der Großstadt, häßlichste Mietskasernen, ins freie Feld hineingestellt, während rings herum die freien Gottesgaben, Wald, wiese, Feld locken und ergeben diese Last der Großstadt tragen. Da weitet sich mein Herz, und alter Wandergeist wird übermächtig; ich möchte dahin laufen, wo der Regenbogen seine feinen Füße in den taufrischen Wiesengrund bettet; in den unberührten Wald, durch den spielend des Herbstes erstes verstohlenes Raunen geht. Ihr Wälder und Auen des weiten deutschen Landes, wie seid ihr mir Freunde geworden; zu euerm Schutze dehnt sich das eiserne Band von der burgundischen Pforte bis zum standrischen Sttand, euch gilt meine Liebe und meine wacht. z. Zt. Mannheim Otto Simon