Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 3 (1915-1916)
- Issue
- 3 (9.1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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löcherten Landwehrhelm, boxt die in die Glut des Abendhimmels unbestimmt hineinragende Ruine eines ehemaligen Herrenhofes, dann wieder die geknickten Aeste eines starken Baumes; jetzt verlangt ein tiefes Hranatloch, das einen kleinen Dorfteich darstellen könnte, ein Umbiegen. Dann und wann surrt nahe an oder über einem ein verirrtes Gewehrgeschoß vorbei und schlägt mit einem Knack in den Boden. Es wird schummriger und das Land umfängt eine rechte Märchenstimmung. Alles Lebendige schweigt, und die Stille der Natur belebt sich mehr und mehr. Als kleiner Junge hätte mich hier ein Furchten und Gruseln überkommen; aber hier draußen steht man mit der Gefahr auf Du und Du, und man fühlt nur den Reiz des Neuen und Besonderen. Man steht auf sich allein, und mit der Verantwortung für die Aufgabe, die vorne auf einen wartet, findet man in sich auch die Kräfte, sie zu erfüllen, wir sind noch nicht an unserer Stellung, als vollkommene Dunkelheit herabsinkt; da wird's lebendig vorn. Russische und deutsche Leuchtraketen schießen in die Höhe, die Lichtkegel der Scheinwerfer blitzen über das Land, ein Gewehrgeknatter setzt ein. „Feuerzauber" heißt das bei uns; meine Hamburger aber sagen dazu „Füerwerk op de Alster". Mischt sich auch die Artillerie ein, so spricht man bei uns von einem „Abendsegen". Durch die stark ausgebauten Stellungen der anderen Kompagnien schlängelt sich unser weg; die Leute, die heute Abend abgelöst werden, stehen bei unstät flackernden, kleinen Holzfeüern und singen nach getaner Arbeit zwei- oder dreistimmig schöne, wohlklingende Lieder, neue und altbekannte, die hier draußen alle an Sinn gewinnen, denn sie drücken uns das in Worten aus, was wir im Innersten verspüren. wir haben uns oft auf Wanderungen oder auf Heimabenden an unseren Liedern erfreut, aber im Feld sind sie uns zum Bedürfnis gew rden; sie lasten uns aushalten, sie sind uns Anregung und Abwechslung und wecken das Güte und Edle und lasten uns nicht vereinsamen, wenn ich dann des Abends im Unterstand liege und noch nicht recht einschlafen kann, dann lausche ich auf die Lieder meiner Leute im Graben. Ueberall klingt's und fingt's. «Steh' ich in finstrer Mitternacht", fängt einer rechts von mir an, und Andere setzen ein; alle Verse werden gesungen, fast andachtsvoll. Dann hört man das schöne Soldatenlied in die Nacht hineinklingen: „Ist alles dunkel, ist alles trübe", und der wind trägts hinüber zu den Ruskis. Die fingen auch, jedoch seltener und fast immer einzelne; aber die haben dann auch sehr hübsche Stimmen. — Meine Hamburger erkenne ich an den Liedern von dem Jungfernstieg, St. Pauli und „Blohm und voß", denn neben dem Ernsten kommt auch das Fröhliche und Spöttische zum Vorschein. Da fingen sie zum Beispiel ein Lied von der Lausejagd, das in lustigen, wcchrheitsgetrenen Versen die kitzlige Situation schildert. Dann und wann hört man auch ein neuartiges Kriegslied. Line Ziehharmonika haben wir auch im Graben und, was noch wichtiger ist, einen Mann, der sie gut spielt. — Etwas weiter rechts von meiner Stellung ragt ein Zipfel eines anderen Regiments in die russische Linie hinein. Eines Abends klingt von dort trotzig und stark die „wacht am Rhein" herüber, über die Ruffenköpfe hinweg; die mögen hingehorcht haben l Vielleicht ist ihnen mit der Kraft dieses Gesanges eine Ahnung von unserem willen zum Sieg aufgegangen. Lebt wohl und seid mit herzlichem Schalom gegrüßt von Eurem Simon Wertheim Im Schützengraben hei B., den 9. IV. J915. §0