Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1914-1915)
- Issue
- 9 (3.1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich krieche aus meiner Strohhütte und trete durch die Tür. Im Gsten bezeichnet ein Schimmer die Stelle, wo bald die Sonne aufgehen will. Also hohe Zeit die Morgenwäsche vorzunehmen. Kopfsprung in die Elbe. Lin paar Schwimmstöße bringen mich zum Floßende, wo die Flößer an den Gelenken arbeiten. „Recht schön guten Morgen." Ich klettere aufs Holz; Hu, wie kalt iffts an der Luft. Trocken reiben und Ln die Kleider fahren ist eins. Dann brodelt auch der Topf mit dem Morgentrunk am Feuer und will bedient sein. Ich wecke drum meine Gefährten und setze mich selbst aufs vorderste Floßglied. Da! Die ersten Strahlen der roten Sonne glänzen über die Hügel. Da erwacht auch der Wald, wie im Märchen kommen prasselnden Flügelschlages aus den hohen Bäumen ein paar Fischreiher, ziehen mit dem Floß und lassen sich, einer nach dem anderen, am Ufer nieder, wo sie regungslos auf Beute harren. Auf der anderen Seite tritt ein Reh aus dem Wald, facht, sichernd. Ohne Furcht vor dem stillen Floß steigt es langsam zum Strom herunter, zur Tränke. Lin zweites, ein drittes, noch mehr, will denn der Wald all sein Getier vor' uns paradieren lassen? Flink huschen die Kaninchen Über den Ufersand, und die Holztauben heben ihr braungraues fälschen hoch in die Lust. Alles gleitet an uns vorüber, weit hinten zwischen den Hügeln die schlafenden Dörfer. Die Sonne scheint golden aufs Wasser. Die ganze bräune Llbe ist verschwunden, wir gleiten in fließendem Gold, unterm Singen der Vögel, unterm schrillen Pfiff der Möven, die abenteuerlichen Fluges über der Goldflut schweben, vom Wald lösen sich blaue Nebelstreifen und steigen in den goldenen Fimmel und zerfließen. Ls ist Tag. Fauchend, stampfend, pfeifend kommt ein Dampfer die Llbe herauf; hochauf wirft er die wetten; schon ist er an uns vorbei. Die Furche seines Kielwassers läßt das Floß wanken, daß das Wasser zwischen den Stämmen gurgelt und patscht. Lin Rauchstreifen deckt uns alles ein, und wie er sich erhebt, ist die Llbe wieder -rau und gelb. Alles Gold der Lonne hat der raffelnde Kasten mit fortgenommeu, und der Zauber des Morgens ist gebrochen. Ls regnet. Ls gießt. Mit Kübeln. Das Floß muß anlegen; Gegenwind, wir fitzen zn acht im Bretterhäuschen und erzählen; 5 Flößer und 2 Wanderer, wir erzählen; die Flößer, gediente Oesterreichische Pioniere, von ihren Bosnischen Lrlebniffen, wir von unseren Fahrten. Der k. k. Rottenknaster füllt den Raum. Am Dach prasselt der Regen, reihum geht das Kaffeekännchen. Das Garn des Flößers spinnt fich arg in die Länge. Schon ist er beim wildern. Ls färbt sich jägerlateinisch. Da tröpfelt's durch die Decke. Das Garn reißt ab. Lrst muff das Dach geflickt werden und nachher kommt kein rechtes Gespräch auf. Da -reifen wir zu den Klampfen, ganz leise stimmen wir. Aber was ist das? In unsere Ouartenpimmung EADGHE mischt sich plötzlich GDAE. Und da holt der Flößer aus dem verborgensten Winkel seine Geige heraus. Und dann geigt er. Koschat. Schwermütig, sentimental, böhmisch spielt er, leise gehen die Klampfen mit, und die Flößer lauschen andächtiger als führnehme Konzertbesucher, die einander anschauen und bekritteln. Und dann sangen wir mit den Flößern noch lange, bis es weiterging. Leipzig Anselm Wolfgang Frank 20