Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1914-1915)
- Issue
- 7 (12.1914)
- Date
- 1914-12-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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auf und bei den Fuhrwerken erinnern einen mit ihren dicken Schafspelzen und Hohen schwarzen Pelzmützen immer wieder daran, daß man nicht mehr auf deutschem Boden ist. — Aber auch sonst in das Leben etwas aus der gewöhnlichen Bahn herausgeriffen. Man schläft des Nachts vollständig bekleidet, mir Stiefeln, die elektrische Lampe vor der Brust und den Browning an der Seite. Ich habe mich schnell daran gewöhnt, und da ich von dem Besitzer des Hauses ein gutes Bett mit reinlichen Linnen (Du wirst denken mit den Stiefeln!) bekommen habe, rüffele (terminus technicus militaris) ich großartig. Nur manchmal summt das Telephon neben mir, um mir eine Meldung oder einen Befehl von der Kompagnie zu übermitteln. — Mindestens einmal jede Nacht revidiere ich die Posten und die Leute. Bis gestern pfiff ein tüchtiger Berbstwind über das Land, und man verließ nicht gern seine sturmsichere Bude. Letzte Nacht aber war es windstill und eine Wunderbar Helle Mondnacht, so daß man das Vorgelände gut übersehen konnte. Meine Kerle scheinen gut aufzupaffen. Bei jeder Instruktion predige ich nur immer wieder: wenn was kommt, dann möglichst so nahe heran lassen, daß wir die Bande auch zu faffen kriegen. — Jeden Morgen statte ich meinen Unterofsizierposten einen Besuch ab; der eine ist in einem polnischen Bauernhaus, auffallend durch seinen Schmutz, untergebracht. Der andere haust in einem kleinen Wäldchen in zwei selbstgezimmerten Bütten, die in die Erde hineingegraben find. Lage, Luft, waffer usw. laffen den Platz auch geeignet für ein Landheim erscheinen; nur ein bischen weit ab. — Mein Wirt, der Besitzer einer Dampfsägemühle, die aber jetzt still steht, ist das, was man auf deutsch einen „bekoweten" Juden heißt, war das eine Freude, als ich mich, als ein Srammesgenoffe entpuppte, mit welcher Herzlichkeit wurde ich da ausgenommen, welche Genugtuung für sie, mir all ihr Bussen und Bangen ausschütten zu können, und welche Freude für mich, mit ihnen des Abends an einen Tisch sitzen zu können und mich so ein bischen wie daheim zu fühlen. Bei uns im Westen stehen auch die besser gestellten polnischen Juden in schlechtem Geruch; sie scheinen uns mitunter anmaßend und aufdringlich. Doch wie anders ist es, wenn man sie in ihrem eigenen Milieu kennen lernt. Da pulsiert noch ein mir sich zufriedenes jüdisches Leben, mit einem reichen, in sich geschloffenen jüdischen Inhalt Die jüdische Note, die wir auf unseren Heimabenden zu finden suchten, ist hier vorhanden. Ich wünschte, daß ihnen ein gnädiges Geschick die Freiheit und damit eine große Emwicklungsmoglichkeit und Aufschwungskraft gibt und sie auch weiterhin in ihrem Judentum eine Hoffnung und Erfüllung sehen laßt. — Gestern Abend vergaßen die Leute einmal ihre Angst, daß die Buffen wieder ^mmen möchten, und zwei Madels, von denen die eine wegen ihres fein ausgeprägten jüdischen Typus unter den Offizieren als die „schöne Jüdin" bekannt ist, sangen mit den Brüdern altbekannte und für mich neue jüdische Volkslieder und Freiheitsgesänge, und ich bedaure nur, daß ich Euch keine davon mirbringcn kann. Ein kleiner zweijähriger Beuge! mit einem einnehmenden Kindergesichr har schon ein bischen Melodie und Tcrt von „Deutschland. Deutschland über alles" heraus und mußte es zu meinem Gaudium zum Besten geben. Augenblicklich studiert er »Die veiglein im Walde", das die erwachsenen Geschwister den durchziehenden Soldaten schon abgehört haben. §um Schluß sang uns der Kleine dann noch ein jüdisches Wiegenlied, und dann mußte er in's Bett. — wir saßen noch lange beisammen, und ich werde diesen »Heimabend" im Feindesland nicht vergeffen. Leb' wohl. — Schalom und herzliche Grüße.