Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1914-10-01 · 6 (10.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1914-1915)
Issue
6 (10.1914)
Date
1914-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2425321-3181687-3181694--0268-3182100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

begnügen sich mit Len altüberlieferten Retten aus Papierringen und suchen nur, die Farben 'schön zu wählen, anderswo werden Gartenfruchte benutzt, dort will es einer mit duftigem Seidenpapier versuchen, eine andere Familie hat erkannt, daß das Flitterzeug eigentlich nicht recht unferm Sinn mehr entspricht, ünd findet eine einfache, zierliche Ausschmückung im Stile Biedermeiers. Vieles wiederholt fich, und doch gibt es wieder in jedem Zahr kleine Überraschungen. Die Sukkoth selbst find ja auch verschieden, der Holzbau bedarf anderen Zierrats als die Glasveranda, das Tannengewölbe anderen als die flache Decke —■ man hat reichlich zu tun, bis gerade noch vor Beginn des Abendgottesdienstes der letzte Nagel eingeschlagen ist. Bei dev Abendmahlzeit, zum Rlang sonst nicht gehörter Festlieder und Psalmen, überschaut man noch einnlal sein neues, vergängliches heim mit stillev Befriedigung, fieht, es ist sehr gut, und nach Tisch beginnen die Be- .suche bei den Nachbarn. 'Man vergleicht, man staunt, man tadelt oder bewundert, laut oder leise, und findet sich in der gemeinsamen Feststimmung bei Dbst, Tee und Zigarren. Die Ganz- und Halbfeiertage bringen dann, zwischen Tannenduft und Farbenschmuck, auf Spaziergängen und in gemeinsamer Lektüre, eine einzige Verbindung von Gemütlichkeit und Festesglanz, kaum daß der ernstere Zwischenklang des hoschana Rabba, mit seiner ganz oder zum Teil durchwachten Nacht, die Stimmung zu zerreißen vermag. Am Schluß aberist zu Simchath Thora die ganze Gemeinde beim Ehaffan Thora, dem Thorabräutigam versammelt, und in nberquellender, sprudelnder Fröhlichkeit klatscht noch einnlal jauchzend die Festesfreude in die Hände. Der Werktag beginnt. Warum ich euch, ihr BlamWeißen, alles das erzähle, wenn esauch für euch in den Städten schwerlich so zur Wirklichkeit werden kann? Weil in all diesen Formen noch lebendiges Judentum zu fillden ist. Die Formen sind alt, nur der Sinn wechselt. Zn den ältesten Zeiten mag Sukkoth ein reines Erntefest gewesen sein, und noch in den Berichten ans der letzten Zeit des Tempels hallt es wider von der Freude, die arn Feste des Wafferfchöpfens zu Endv der Snkkothtage sich natürlich austobte. Der Palästinawanderer sieht noch heute, im ganzen Lande, auf den Feldern und in den Dörfern^ selbst in deutschen Rolonieen währelld des ganzen Sommers diese einfachen, laubbedeckten hüttell, ulld Palmen, Esrog und Alerte, in Deutschland fremdartige Gewächse, sind dort natürliche Gaben, die das Land dem Festesritus spendet. Das Ghetto des Mittelalters schafft sich noch seine eigenen Betonungen und Stilnmungen. Die erdrückende-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.