Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1914-1915)
- Issue
- 3 (6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Blau-Weiß-Blätter 7 Altes drängt heran und betrachtet die frischen, noch warmen Brötchen mit hungrigen Augen. iNiemand setzt sich: noch fehlt der Führer. Der steht in der Küche und braut Kakao. Endlich kommt er; die heißen Henkel des großen geschwärzten Topfes hat er vorsichtig mit Taschentüchern umwickelt. Man ißt und trinkt eilig, ohne viel zu reden. Als der Führer sich erhebt, gibt es einen Auflauf bei den Rucksäcken. Das Heim ist überfüllt; der größte Teil der Wanderer muß schnell auf die Fahrt. Die Zurückbleibenden spähen nach übriggebliebenen Brötchen. Jetzt ist überall Laufen und Rufen, Schelten und eifriges Suchen. Vorübergehende bleiben stehen, Kinder gaffen mit offenen Mäulchen. Zehn Minuten später ist der Platz vor dem Hause leer: die letzten Töne eines frischen Marschliedes verr klingen in der Ferne. In schlankem Trab, den Rucksackriemen; _ersL auf einer Schulter, laufen die üblichen iNödler dem Zuge nach; hinter ihnen helles Gelächter. Auf dem Hofe aber beginnt das große Geschirrwaschen. IV. Dieser Vorfrühling brachte uns allen eine gewaltige Wanderlust. Niemand rechnete mit Entfernungen; man stürmte über die Landstraße und wurde nicht müde. Es war eine eigenartige Stimmung auf unseren Fahrten, Entdeckerlust und Hingabe an diesen einzigartigen Frühling, der uns mit Geschenken überhäufte. Dabei war das Wetter durchaus nicht immer gut, oft genug brachte man nasse Kleider und kalte Füße nach Hause. " Aber die Welt war so bunt und jung, überall Leben und rührige Kraft, die Luft voll Gesang und Gezwitscher unzähliger Vögel. Man konnte nicht anders als singen und wandern, getrieben yon der tiefen Sehnsucht, die in uns Stadtmenschen von Urzeiten her wieder erwachte: eins zu werden mit der iNatur, zur Mutter Erde zurückzukehren, von der Kraft und das Leben der Völker stammt. Freilich .machten wir nicht in Stimmung"*, wie uns denn Sentimentalität im Sinne einer gewissen „Wandervögel-, romantik" wenig liegt. Aber uns stadtgewohnten Juden wurde der Sinn unseres Wanderns plötzlich klar und die tiefe Tragik der großen Wanderung unseres Volkes. V. Darüber haben wir manchmal gesprochen, abends beim Schein der Lampe oder draußen, wenn wir am Rande der Nuthewiesen des Singens müde waren. Nur wenn man mehrere Tage unterwegs ist, im Heim oder auf der Fahrt, lernt man sich so recht kennen. Diese Abendstunden, die wir miteinander verplauderten, waren uns allen ein Gewinn. Wir erzählten von Fahrten und Rasten, von Erlebtem und Erhofftem. Und mit Freude fühlten wir Aelteren, wie jung wir eigentlich noch sind»