Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1914-04-01 · 1 (4.1914) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1914-1915)
Issue
1 (4.1914)
Date
1914-04-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2425321-3181687-3181689--0185-3182011
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

.10 Blau-Weiß-Blätter Sei es aus Faulheit, sei es aus Obermut, anstatt die paar Schritte zurückzugehen, schickt man sich an. über oben besagten Graben zu springen. Vergebens erheben wir Alten ahnungsbang, wie weiland die Katzen im Struwelpeter, unsere warnenden Stimmen. Vergebens! Ein paar von den jüngeren, schlanken, sind auch glücklich drüben angelangt, O. weh, Licel Du bist nicht mehr schlank genug, du bist kein Backfisch im kurzen Flügelkleide! Der Rock ist lang und eng! Die Böschung ist steil und dabei glitschrig. Siehst Du, da zappelst Du schon im Wasser, strampelst gelbe Lehmwellen! Doch von Friedas, Judiths, Lillys kräftigen Armen gepackt, gelingt esendlich dem armen Wesen, festen Boden zu gewinnen. Doch wie sieht sie aus! Der Frauen Schicksal ist bejammernswert! Will sie mal ein Junge sein, gleich geräts daneben, und nun sitzt das arme Opfer in dem weiten, grauen, Cape wie der bekannte Greis, der sich nicht zu helfen weiß, oder wie Häschen, in der Grube. Wir winden, winden keinen Jungfernkranz, sondern die nassen Strümpfe», gießen die Schuhe aus und lassen uns inmitten der ersprießlichen Tätigkeit von Lily photographieren. Jede möchte nun mit ihren Sachen aushelfen, doch Wandrerinnen sind so praktisch angezogen, daß da nicht viel zu entbehren ist. Doch zur Not genügt's. Bis auf die Schuhe und Strümpfe. Da bekommt die Cbronistin dieser Begebenheit auch mal einen schlauen Gedanken: Wozu haben wir als rechte Blau-Weiße denn unser aufgehobenes Schnittenpapier! Lice muß es also über sich ergehen lassen, daß ihre Füße in Pergamentpapier eingepackt werden, und mit vereinten Kräften gelingt es auch, Strümpfe und Schuhe darüber zu ziehen. Allerdings sehen nun nach Lillys Meinung die Beine aus, wie diedes Lahmen im Mirakel Auf dem kürzesten, wenn auch nicht bequemste» Wege gehts nach Oswitz, wo Lice, die den Eindruck einer Rinaldinischen Räuberbraut macht, mit ihrer Ehreneskorte abgesetzt wird. Wir anderen aber sonnen uns noch ein Weilchen wie Seehunde. Dann treten auch wir die Heimreise an. Vera London, Breslau. Ein Heimabend Im November, als unser Blau-Weiß seine ersten Versuche machte, sprachen wir bereits von unseren künftigen Heimabenden, jetzt, wo wir in drei Zügen» wandern müssen, weil die Zahl unserer Wanderer ständig zunimmt, sind auch unsere ersehnten Heimabende liebe Wirklichkeit geworden. Vom ersten dieser Abende im Februar will ich kurz erzählen; er sollte zweierlei Zwecken dienen, einmal, Tichtig singen zu lernen, was noch sehr int Argen liegt; Freund Glaser hat mit seinen Ausführungen in der Märznummer Wort für Wort Recht, dann aber sollte er auch jüdische Gefühle wecken. Das erreichten wir sehr gut. Unser Wanderer Wertheim, in dessen gastlichen Räumen wir den Abend zubringen durften, sprach von der Gestalt des ewigen Wanderers Ahasver und zeigte, wie in der jungjüdischen Dichtung Ahasver seine unheimlichen Wesenszüge verliert, wie er zu einer hoffenden, freudigeren, erlösungsfähigen Natur umgewandelt wird. Ein Führer sprach vom deutschen Dichter Scheffel, dessen Geburtstag zufällig mit dem Datum des Heimabends zusammenfiel, und dessen Lieder wir jauchzend singen zum Lob und Preis Alt-Heidelbergs, wenn wir frohen, ungebundenen Sinnes die Berge des Neckartals durchwandern. Was uns ganz besonders an Scheffel interessiert, das ist, da& er nur da ergreifend wirkt, wo er mit unendlicher Liebe und tiefstem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.