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Blau-Weiss-Blätter · 1914-01-01 · 9 (1.1914) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1913-1914)
Issue
9 (1.1914)
Date
1914-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Blau-Weiß-Blätter 5 schweifte unsere Erinnerung und unser Gedenken an jene Zeit zurück, da unser Volk noch seine kleinen, unscheinbaren Chanukaleuchter in das Fenster zu stellen pflegte. Wer von uns Wanderern weiß noch von jener Sitte und wer pflegt sie noch? Der 25 Dezember, der erste Weihnachtsfeier tag, gab uns das, was für uns das wichtigste und schönste war; herrliches Sonnen weiter, blauen Himmel, klaren Schnee und löbliche Wanderlaune. Wir schritten über das Schlachtfeld und dann zur Schuhsohl, einem Berggipfel über 500 m, der uns einen weiten Blick auf die elsässische Ebene und die Burgen der Sudpfalz, prangend im silbernen Festeskleide frisch gefallenen Schnees, gewährte In diese Winterpracht schritten wir dann hinein in seliger Menscheneinsamkeit auf knirschendem, frischem Schnee. Wer das nicht erlebt hat, weiß es nicht nachzuempfinden. Am Abend erst erreichten wir das Sauertal, die Rebgelände von Fröschweiler und tief im Talkessei Wörth. Hier übernachteten wir, nachdem uns der siebenstündige Marsch mit nur geringer Rast Hunger und gesunde Ermüdung gebracht hatte. Am nächsten Tage herrschte am Himmel tiefstes Grau; für das Schlachtleid mit seinen hunderten von Gräbern und seinen Erinnerungen von Tod und Elend zwar ein recht stimmungsvolles Wetter, nicht aber für unsere Wanderung, die an diesem Tage eine längere Gebirgswanderung vertargte. Wir änderten daher das Programm und zogen in der Ebene durch reiche elsässische Orte — Niederbronn, Oberbronn, Zinsweiler, Rotlach — bis zur Bergveste Lichtenberg. Am Abend tauchte wie die Gralsburg, unnahbar, auf steilern Bfrgeskegel iu die Lüfte ragend, Lichtenberg vor uns auf. Ergriffen blieben wir stehen; dies Bild in seiner Ruhe und Bergeinsamkeit verlangte schweigendes Verstehen. Ein glühendes Rot der untergehenden Sonne veredelte noch das Bild, dann seUte Regen und Sturmwind ein, und die Dunkelheit verlangte gebieterisch unser Scheiden Wir wären nach neunstündigem Marsche froh gewesen, wenn wir im Orte Lichtenberg hätten bleiben können, allein das Tanzvergnügen des zweiten Feiertages nahm un«? das Unterkommen und den Wirten die Lust, sich mit dem Nachtquartier von Wanderern, die zu ganz ungewohnter Winterzeit anrücken, irgendwie abzugeben. Was blieb uns übrig: wir mußten noch in das Tal wandern Zwar war es völlige Nacht geworden, wir kannten den Wreg nicht im geringsten, und kalter Wind blies wenig einladend um unsere Ohren. Jetzt galt es, frohgemut loszuziehen und wahre Wanderlust zu beweisen. Wir kamen auch noch in das Tal zur Bahnstation nach Wimmenau. nachdem wir wiederholt den Weg verloren hatten, unsere Wanderlaterne ausgegangen und der Verlust eines Hutes, den der Bergwind entführt hatte, zu verzeichnen war. Die Laune hatte uns nichts verdorben; wir hatten unsere jüdischen Wanderlieder in die Winde hinausgesungen, als ob nicht nach langem Marsche,; auf unbekannten, schmutzigen Straßen ein mehr als zweifelhaftes NachtquartierJ unser wartete, sondern als ob Himmelsbläue ünd Balsamdüfte des Frühlings uns sicher seien. Das müßte ein schlechter Wanderer sein, der nur gute Tage als Lohn verlangt und nicht weiß, daß Regen, Sturm und Nebel als Gaben der gütigen Natur auch von uns dankend und freudig angenommen werden sollen. Vom Nachtquartier in Wimmenau ist nicht viel rühmliches zu melden,- wir waren recht froh, überhaupt etwas zu finden. Am nächsten Morgen fuhren wir — 4. Klasse natürlich — nach Straßburg und bummelten durch die „wunderschöne Stadt*4, nicht auf der Jagd nach? allen .Sternchen" des Reiseführers, sondern langsam, als völlig souveräne Herren unserer Zeit, betrachteten wir alle alten Häuser und Straßen» die uns gefielen* ließen manches aus, was man »unbedingt gesehen haben muß* und standen

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