Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 3 (1915-1916)
- Issue
- [1916]
- Date
- 1916-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Mojsche Bekanntlich kamen bald nach Kriegsbeginn viele galizische Juden nach Prag, weil ihre Heimat verwüstet oder zum Kriegsschauplatz um gewandelt war. Das Elend, die Not dieser Menschen, läßt sich überhaupt nicht schildern. Wir waren alle Lief ergriffen und suchten zu helfen; ein jeder so gut er konnte. Vor allem mußte für die Kinder gesorgt werden, die noch nicht in die 5chule gehen konnten und deshalb den ganzen Tag in der ungesunden Wohnung waren oder ohne Aufsicht und ohne Beschäftigung in den Straßen herumliefen. Für sie wurde nun auf Anregung unserer Führerschaft ein Kinderhort gegründet. Dort fanden sie gute pflege und Kost, im Winter warme, freundliche Stuben, im Sommer einen Garten. Wer die Ainder dort sah, glaubte nicht, daß es dieselben verschüchterten, abgefetzten Tröpfchen wären, die auf der Straße fortwährend dem Spott des Volkes ausgesetzt waren. Ich habe unter ihnen viele Freunde gehabt, an die ich wohl lange denken werde. Besonders von Mojsche möchte ich Euch einmal erzählen. — -7——Mojsche war ganz bestimmt der schönste Junge unter den galtzischen Kindern, welche zu uns in den Kindergarten kamen. Das erstemal, als ihn seine Mutter brachte, waren die blauen Augen weit offen vor Neugier, und es schien ihm zu gefallen. In einer ganz warmen Fellmütze saß er da, trank seine Milch mit großem Behagen und war von allen Spielsachen entzückt. Als man ihn aber nach einem gründlichen Baden in saubere, neue Kleider und Schuhe steckte, da war er ganz fassungslos. Er hatte noch nie neue Schuhe gehabt und war unglücklich, als die Sohlen staubig wurden und den Glanz verloren. Nach jedem Schritt putzte er sie ab. Da er der klügste von seinen Kameraden war, genoß er ein großes Ansehen, und jedes kleine Mädchen machte sich eine Ehre daraus, wenn sie ihm beim Flechten und Ausnähen helfen durste; denn diese Arbeiten mochte Mojsche nicht leiden, und er war sehr ungeschickt. Dafür lernte er und merkte sich alles leicht, ob es nun eine deutsche Erzählung oder ein hebräisches Gedichtchen war, und am liebsten erzählte er selbst etwas, und er hatte auch etwas zu erzählen. So ein kleiner Knirps, der hatte den Krieg erlebt; in seiner Stadt waren die Soldaten einquartiert und haben geschossen. Tag und Nacht. Und da bald garnichts zu essen war in der ganzen Gegend, 18