Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 7 (10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Blau-Weiß-Blätter 5 Bald darauf begann es zu regnen. Unser Feuer erlosch, Decken, Kakao, alles ließen wir im Stich und flüchteten in die Hütte. Die Hirten nahmen uns gerne auf. Aiich die eigentlichen Bewohner, die uns vorhin nicht hatten öffnen wollen, protestierten nicht. Es. waren zwei Ziegen, denen wir gern ihre Hartherzigkeit verziehen. Wenn wir nun auch im Trocknen lagen, war unsere Lage doch wenig verlockend. Der , Raum, der uns aufnahm, war nur klein, der Fußboden bestand aus knorrigen Tannenstämmen, jeden Augenblick stieß man gegen die Nagelschuhe seines Nachbars. Dessen ungeachtet schliefen wir bald ein und selbst die „Menschlichkeiten", die den Ziegen widerfuhren, vermochten nicht, unsern Schlummer dauernd zu stören. 12 In Süddeutschland gibt es zahlreiche Judengemeinden, die ziemlich abgeschlossen leben und im Großen und Ganzen wenig mit der umwohnenden Bevölkerung, wenig aber auch mit der Judenschaft des übrigen Deutschlands in Berührung kommen Die Leute sind sehr fromm — für die Fragen, die das jüdische Leben der Gegenwart bewegen, haben sie jedoch kein Interesse. Vor noch nicht gar zu langer Zeit machten sie an manchen Orten mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft aus; in Geilingen gab es z. B. vor kurzem einen jüdischen Bürgermeister. Heute wirkt auch hier schon der Zug in die Großstadt. Die jungen Männer gehen nach Stuttgart oder nach Zürich, die Mädchen verheiraten sich,, wer weiß wohin. Greise und'Kinder füllen die Synagogen: eine traurige Bestätigung von Theiihabers Buch: „Der Untergang der deutschen Juden". — Uns betrachtete man mit Staunen und einem gewissen Mißtrauen. Jüdische Wanderer hatte man bisher noch nicht gesehen. Dennoch nahm man uns gern auf und lauschte vergnügt unsern Liedern. Bald waren wir ganz befreundet miteinander. Das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl machte sich geltend. Und als wir ordentlich ausgefuttert weiterzögen, begleitete man uns wie alte Bekannte ein gut Stück Weges auf der Landstraße. 13 Die christliche Bevölkerung ist reich und tüchtig. Die Bauern sitzen seit undenklichen Zeiten auf ihren Höfen. Rechts und links vom Wege findet man uralte verwitterte Denksteine. Sie erinnern an die Toten, des Bauernkrieges, die hier überall unter dem Rasen liegen. Die Namen, die man auf den Steinen liest, findet man in den Dörfern wieder. Die Leute kennen ihre Geschichte und sind stolz darauf. . Darin gleichen sie ihrem allemannischen Nachbarstamme, den Schweizern. Am Vorabend des Schweizer Nationalfestes waren wir auf den Hohentwiel gestiegen. Wir hatten einen prachtvollen Sonnenuntergang erlebt.; Langsam kroch die