Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 1 (4.1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Bfau-Weiß-Blätter Von der Wanderkleidung. I. Die Zeit, da man glaubte, der schlechteste Anzug sei für das Wandern immer noch viel zu gut, ist noch gar nicht so sehr lange vorüber. Man kleidete sich mit einer gewissen Koketterie recht romantisch-landstreichermäßig, nannte sich „fahrender Schüler" oder gar „Scholast", sang die Lieder von Scheffel und Birnbaum und richtete sich am liebsten nach dem schönen Verse: „Wo mir ein voller Becher winkt — den möchf ich sehen, der mich zwingt, — daß ich das Gottgeschenke — nicht voller Freuden tränke.* Wahre Wanderlust und rechte Freude an der Natur konnten unter solchen Verhältnissen freilich kaum aufkommen. Es ist ein Verdienst des „Wandervogels", daß diese modernmittelalterliche Scholastenromantik fast überall verschwunden ist. Wir Juden, die zum deutschen Mittelalter in einem doch immerhin recht „passiven~ Verhältnisse stehen, sind wahrhaftig nicht berufen, die Traditionen des biderben Kundentums aufrecht zu erhalten. Wir sind gewohnt, uns überall anständig und zweckmäßig zu kleiden — warum also nicht auf der Wanderfahrt? Damit beabsichtige ich wahrhaftig nicht, irgendwelchem Geckentum das Wort zu reden. Gegen eine geflickte Joppe, eine ausgebesserte Hose ist kaum etwas einzuwenden. — wenn sie nur sauber sind. Aber anständig muß man schon aussehen — und ein wenig in die Landschaft passen. Alle Welt kommt euch gleich viel freundlicher entgegen, und ihr selbst habt den doppelten Genuß vom Wandern. Und nun nur noch einige Ratschläge. Die praktischste Kleidung ist stets die schönste. Der herrlichste „Steife", die bunteste Schülermütze und die prächtigste Radmütze nehmen sich — weil unzweckmäßig — auf der Wanderung scheußlich aus. Auch ein blütenweißer Stehkragen und das bestgeplättete Oberhemd werden ihren Zweck völlig verfehlen: zudem sind sie nach 2 Stunden so durchschwitzt, daß sie selbst ihr Eigentümer kaum mehr wiedererkennt. Also fort mit diesen Marterwerkzeugen, fort auch mit Paletot, Ulster, Knöpfstief ein; fort mit allem, was einen kräftigen Landregen nicht ohne Schaden überdauern kann. Der richtige Wanderer trägt ein weiches Wollhemd mit weichem Umlegekragen, baumwollene Unterbeinkleider, derbe Wollstrümpfe und Schnürschuhe mit Doppelsohlen und Stroheinlage. Dazu kommen eine kurze Lodenhose mit Stutzstrümpfen oder eine lange Hose mit Wickel-Segeltuch oder Ledergamaschen, eine Lodenjoppe, ein breitkrempiger Lodenhut und ein Lodenumhang. Der Rucksack soll geräumig und fest sein, die Riemen möglichst breit, um schmerzhaften Druck zu vermeiJen, anstelle wCj leicht zerbrechliche:: Thermosflasche benutze man die billige