Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 37 (1920)
- Issue
- Festnummer (20.11.1920)
- Date
- 1920-11-20
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 anzuwenden. So entstand die mündliche Lehre, so entstand die Partei der Pharisäer, die nachher von den Rabbinen abgelöst wurden, so auch die Partei der -Saducäer. die die mündliche Lehre negierte und die schließlich, wie B1 o c h nach Betrachtung von Jahrhunderten überzeugend darlegt dahin führte, daß nach der schriftlichen Abfassung der mündlichen Lehre, das ist der schriftliche]! Fixierung, des Talmud-, eine neue Partei entstand, die Sekte der Karäer, die die Berechtigung, sieh auf ein mündliches Gesetz zu berufen, verwarf. Dies alles klingt heute sehr plausibel und niemand denkt sich die Entstehung der mündlichen Lehre anders. Man darf aber nicht vergessen, üa"3 b loch vor vio^-ig Jahren sehrieb, als dieser .'je 'a'tkaiigang noch ru^i'i: so zur allgemeinen Anschauu-v; gehörte und dal.'. Bloch nur wenige moderne Schriftsteller "wie Z u n z, Rappaport, A. Geiger, Z. F r a n k e 1, zu Vorbildern hatte, an deren Forschungsari er sich anlehnen und deren Ergebnisse er sich aneignen konnte. Und zu diesen bündigen Schlüssen, führte bei B i o o h selbst ein langer Weg, auf dem es sehr oft Seitenblicke gibt, die auch Danebenliegendes kiar zu erkennen suchen. So bemerkt z. B. B 1 o c Ii an einer Stelle: ..Mit dem Verbot der Schriftstellerei vermeinte man die Pseudepigraphen, welche widerrechtlich das geheiligte Gewand höchstein Altertums änl eg-en. für immer entwurzelt zu haben, und es war eine Art Ironie des Geschickes, daß die durch jenes Verbot ins Leben gerufene mündliche Lehre, kaum daß "ein Jahrhundert vorüber war, begünstigt gerade durch ihre Mündlichkeit und Anonymität, für sich, ihren Ursprung, ihren Inhalt, ihre Normen, den Charakter der Mosaicitäi und Sinaicität mit Erfolg reldamierie." Zugleich" eine Probe, wie scharf Bloch den Problemen ah den Leib rückt und in welcher Lebhaftigkeit er seine Ergebnisse dem Leser mitzuteilen weiß. Jetzt kommt der eigentliche. Talmud daran, mit überraschend, vielen sachlichen und sprachlichen Nachweisen: zu bedauern ist nur, daß die hebräischen Zitate Lettern aufweisen, die dem Buche ein unschönes Aussehen geben. Die Schule Akibas und Ismaeis wird vortrefflich gekennzeichnet, doch mit Vorliebe befaßt sich B 1 o c h mit den Verhältnissen von Miscima und Tosefta, wobei er eine in neuester Zeit siegessicher aufgetauchte Toseftahypothese. wonach es eigentlich die Tosefta wäre, .die den von Juda ha-Nasi redigierten rabbinischen Codex bildet, mit der ganzen Lauge seiner überlegenen Kritik überschüttet. Der Urheber dieser „mehr als originellen Anschauung" nennt Bloch gar Jucht, aber jeder Fachgenosse kennt ihn, und da diese Hypothese auch noch involviert, daß die Arno räer des babylonischen Talmud eine grandiose Fälschung begangen hätten, fällt auch ein bitteres Wort darüber, daß gerade ein konservativer Forscher ein solch ketzerisches Bekenntnis von sich gegeben. Dagegen erweist sich Blochs konsequent durchgeführte These, daß die Mischna und später auch der Talmud vorerst nicht in Schrift, sondern nur in mündlicher Redaktion niedergelegt waren, als sehr orthodox, und Bloch ist damit auch fähig, die in diesem Kreis auftauchenden literarischen Schwierigkeiten zu erklären. Namentlich das Vorhandensein der Tosetta als eines zweiten Codex neben der Mischna erklärt er richtig, als: die von der mündlichen Tradierung bedingte veränderte zweite Fassung desselben halakhischen Stoffes. In derselben Weise wird auch die Stellung der halakhischen Midraschim zur Misehna> richtig dargelegt. Ausblicke auf, die Saboräer, deren Namen er aber meines Erachtens philologisch ganz unrichtig als wiedererstandene „Soferim"-Schreiber erklärt, Ausblicke ferner auf den unsere Materie authentisch behandelnden Scherirabriel'. und auf den Standpunkt der namhaftesten Talmudisten des Mittelalters beschließen diese interessanten Einblicke, in die wir freilich den Leser durch unsere kurze Darstellung nur einen ganz geringen Einblick gewähren,' konnten. Ein Anhang gibt einige Schäden kund, die bei gedächtnismäßigem Lernen im Texte des, überlieferten Lehrstoffes sich einstellen: Bloch ist es gelungen, auf Grund von Paralleltexten diese Schäden aufzudecken und den ursprünglichen richtigen Wortlaut herzustellen. Nach dieser Richtung hätten wir noch sehr viele Feststellungen gewünscht, und es steht außer Frage, daß Bloch hierin eine r erdige Methode befolgt hat. BLOCH UND ROHLING. Aus einem Briefe des Herrn Geh. Konsistorialrates Professor der Theologie an der Berliner Universität DR. THEOL. ET PHIL. HERMANN STRACK. „Doch will ich nicht unterlassen, Urnen meine Freude darüber auszusprechen, daß Herr Dr. Bloch diesen wichtigen Lebensabschnitt in voller Frische des Geistes und Körpers erreicht, von dem aus er auf vieljährige angestrengte, aber auch erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken kann. Mit großem Mut hat er den Kampf gegen die „Blutlüge", namentlich gegen ihren eifrigsten, aber auch innerlich unwahrsten Verfechter aufgenommen, und so durchgeführt, daß August Rohling einen, nach dem Urleil Aller, die nicht völlig durch Haß verblendet waren, schimpflichen Rückzug hat antreten müssen. Betrüblich ist es ja, daß dieser Kampf soviel anstrengender, geistiger Arbeit und seelischer Erregung erfordert hat. Aber dieses Opfer ist nicht vergeblich gebracht worden. Allerdings hat die. Unemiüdlichkeit der Judenhasser gerade gegenwärtig durch Berufung auf Ro Illing wieder Erfolge: aber auf die Dauer wird die Wahrheit siegen, und wer für diese eintritt, wird in den Arbeiten Josef Bloch sl eine Rüstkammer mit .nützlichen Waffen haben. Möge es Herrn Dr. Bloch gegönnt sein, den endgültigen^ Verzicht der Antisemiten aa[ die irnwahrhaftige Verwendung des Namens A u g u s i Rohlings zu erlebeln.5'