Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 37 (1920)
- Issue
- Festnummer (20.11.1920)
- Date
- 1920-11-20
- Page
- Seite 11 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11 mit Klugheit und Scharfsinn gepaart, das war das Kennzeichen dieses jüdischen Mannes. Und er war Nationaljude! Freilich darf man die Zeit nicht vergessen, in der er auftrat. Auch dari nun i niemals die Abhängigkeiten übersehen, von denen er sieh Zeit seines Lebens nicht freizumachen vermochte. Erst, dann versteht map. den nationalen ..u.idzug seines kämpferischen Wesens. Und wenn er noch v'or wenigen Jahren sich ihr die Wiedereinsetzung der Kol-Nidiv-Formt'l in ihre uralten historischen Rechte einsetzte, so' geschah das ganz gewiß nicht aus irgend welchen religiösen Wünschen oder aus mystische-n Empfindungen heraus, sondern weil er das historiseiio Unrecht empfand, das durch die Feigheit der Gemeinden dem Kol Nidre und zugleich dem jüdischen Volke zugefügt worden war, also aus nationalem Ehrgefühl und jüdischer Gereehtigkeitssehnsiicht. Denn es war kein Zweifel, daß nur Feigheit und Angst vor antisemitischen Angriffen die Juden dazu bestimmt halte, diese uralte, von tiefster Gewissenhaftigkeit zeugend? Formel aus dem Rituale zu entfernen. Mut und Gerechtigkeitsgefühl waren es, die ihn zum Eintreten für das Kol-Nidre veranlaß ten.- Tiefe Kenntnisse jüdischer Geschichte und jüdischen Schrifttums lieferten iiuu die Waffen auch in diesem Kampfe. Ein besonderes Kiipitet ist Dr. B 1 o e h s „Oesierreicliische Wochenschrift", die er gegründet hat und die er bis vor einem halben Jahre leitete. Sie wurde unter dem Namen ,,Blochenschvüt" populär. Sie war eine schneidige, ja die schärfste Waffe, die die mitteleuropäischen. Juden in ihrem Kampfe gegen die judon feindlieheu Angriffe hatten. Da erwies sich B l o c h zugleich als ein vorzüglicher Redakteur. Der leider riel zu jung, verstorbene II e i n r ich M e y e r Cohn, der mit großer Verehrung Blochs Einireien für die jüdische Sache gerade deshalb veviolgte, weil sie der nationalen Ehre des J udentums nichts vei gab, pflegte zu sagen. Bloch habe viele Vorzüge, aber sein größter sei seine Schere. Man soll das nicht mißverstehen. Er wollte damit auf das ungewöhnliche Geschick Blochs als Redakteur innweisen'. Er war ein eifriger Mitarbeiter, dessen Artikel Kabinettsstücke waren, die man als Sammlung herausgeben sollte. Aber er veranlaßte auch die Anfertigung nicht bloß von handschriftlichen Jahresregistern der „ßloeheuschrüt", sondern ließ im Jahre ein besonderes Schlagwörterverzeichnis zu den ersten 18 Jahrgängen anfertigen und drucken, weil ihm dieses einen weiten Ueberblick über die jüdischen Ereignisse und das polemische Material gewährte, das B i o e h sscharfe Schere und nicht minder seine spitze Feder zusammengetragen hatten- Es soll daher nicht gering bewertet werden, daß Dr. Blochs Bruder in Newyovk*) ein vollständiges gebundenes Exemplar Dr. Bloc'hs- ,, Oester reichischer Wochenschrift" für die jüdische Natiuual-Bibüothek in Jerusalem zusammenstellen läßt. Es ist das auch aus dem persönlichen Grunde angebracht, weil Dr. Bloch zu den wenigen gehörte, die von Anfang an die' Wichtigkeit den jüdischen Bibliothekswesens in Palästina erkannt haben und er jederzeit bereit war, es nach Kräften zu Serdern. Er war eben immer letzten Endes ein teuriuer Nationaljude und hatte immer für die werdenden Bedürfnisse lies Volkes Verständnis. Nur soll man : nie vergessen, daß er zwanzig Jahre älter ist als die Zionisteu und daß er eben damit einem vorbereitenden Gesehleehte angehört. Man tut ihm Unrecht, ihn mit diesen zu vergleichen. Fr muß an seinen Altersgenossen gemessen werden. in seinem Zeitalter — b'Uorotaw — ist er d e r Nationaljude. ich spreche immer von ihm, .,er war, er Ui-, er schrieb." Weil ich darlegen will, wie er aussah, als. er in voller Ma.anesk.raft der Vorkämpfer der selbstbewußten Juden war. Aber er ist, er tut, eisen reibt. Er ist einer der Lobenden und de-.-noch immer Schaffenden. Und wenn er heute siebzig Jahre vollendet hat, so steht er doch noch immer im jüdischen heben und er hat volles Verständnis ihr die über seine Tätigkeit hiitausge\vachseneu nationaljudischen Anschauungen, Bestrebungen und Arbeiten seiner Kinder, Schwiegersöhne und Enkel- Wir wünschen ihm, daß er auch an den Urenkeln, die — denn er ist bereits U r g r o ß v a t e r -— die Freude er.'cbv, daß die von ihm ererbte nationale Gesinnung sich im vierten Geschlechte noch ganz anders jüdisch ausgewachsen hat. *) ü2f» West 1:;."). Stre e t, d i e g e $ e n w .\. v t i e A cl v o s s e u n seres J u b i l a r s. D5i BLOCH ÜBER DIE ENTSTEHUNG DES TALMUD VON PROFESSOR DR. SAMUEL KRAUS, WIEN. Schon in seinem Werke „Studien zur Geschiehte der Sammlung der althebräischen Literatur", Leipzig 187ö, hat Dr. Bloch das Verhältnis der rabbinischon Tradition zum biblischen Schriftwort zu bestimme & gesucht und nach weniger als zehn Jahren entstand eine neue Schrift: „Einblicke in die Gehelüchte der Entstehung der Talmudischen Literatur". Wien in - welcher das so schwierige, aber dennoch anziehende Problem mit aller Schärfe ins Auge gefaßt wird. Der Obertitel des Werkes „Beiträge zur Einleitung in diu talmudisehe Literatur", wovon das zur Besprechung stehende Werk bloß den ersten Teil bildet, läßt vermuten, daß Dr. Bloch eine vollständige Einlehung in den Talmud geplant, und es ist wirklich zu bedauern, daß "dieser Plan nicht zur Ausführung gekommen ist. Gewiß sind die bösen Antisemiten daian schuld, die die Zeit und Energie unseres Mannes mehr als gebührlich in Anspruch nahmen und absorbierten. Von frühester Jugend mit dem Talmud vertraut, von Natur mit großem Scharfsinn und klarem Denken ausgerüstet, wäre Dr. Bloch in der Tat der Mann gewesen, uns das Riesenwerk des Talmud mit all seinen Dependenzen als Literaturwerk verständlich v or zuführen. Aber auch der erschienene erste Teil stellt eine dankenswerte Leistung dar. Die Grundlage des B I o c h's c h c n Werkes bildet die These, daß nach dem Abschluß des biblischen Kanons ein unverbrüchliches, völlig durchgeführtes. Verbot der Schriltstellerei im Judentum bestanden hatte, ein Verbot, das mit Recht schon in dem Epilog des Buches Koheleth angedeutet gefunden wurde. Das einzige Regulativ des gesamten öffentlichen und religiösen Lebens des Judentums bildete nun die Bibel. Nun wirft aber das Leben neue und mannigfaltige Fragen auf und fordert die Regelung vieler neuen Verhältnisse; die zu lösen und beizulegen war nur so möglich, daß das „Gesetz" aufs peinlichste studiert; und ausgelegt wurde, womit sich ein eigener Stand der Gesetzerlehrer — erst Sopherim, dann Taunaim genannt — befaßte, die allein im Besitze jener Traditionen zu sein vorgaben, die es ermöglichen, das Gesetz richtig zu erfassen, auszudeuten und für das Leben