Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 37 (1920)
- Issue
- Festnummer (20.11.1920)
- Date
- 1920-11-20
- Page
- Seite 4 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DI JOSEPH S. BLOCH VON DR, MAX GRUNWALD Eine dieser einzigartigen Erscheinung würdige Lebensbeschreibung zu liefern, kann in den wenigen Stunden, die mir zur Verfügung stehen, nichi meine Aufgabe sein. Auch müßte eine Biographie, die auf wissenschaftlichen Wert Anspruch erheben dürfte, den mir zugemessenen Rahmen einer Skizze sprengen. Hier gilt es ja nicht, einfach biographische Daten aufzuzählen und literarische Leistungen zu werten. Das Hauptgewicht liegt vielmehr auf der politischen T a i Um dieser gerecht zu werden, halte man aber den historischen Hintergrund zu zeichnen und Zusammenhänge aufzudecken, die in den allgemeinen Darstellungen der einschlägigen Epoche der Geschieht^ Oesterreichs noch nicht gegeben sind. Zu Hilfe kommen nur jedoch zwei Tatsachen. Einmal die leichte Erfaßbarkeit des Kernes unseres Jubilars: er war und ist Apologet des Judentums. Um diese Achse kristallisiert sich sein gesamtes Lebensbild. Ebenso ausgeprägt ist der andere Grundzugseines Charakters: Bloch ist durchaus S e 1 f m a d e m a n. Nicht sowohl von einem W erde g a n g ist bei ihm zu reden, als v iehnehr von einem W äffe ngang mit Schicksal und Menschen. Seine Heimat ist Galizien. Der tahmidgesätt igten Atmosphäre seines ersten Lebenskreises und den Gaben eines haarscharfen Verstandes verdankt er die überragende Beherrschung des altjüdischen Schrifttums. Schon der Dreizehnjährige wurde als „Ili'.ij" angestaunt und produzierte sich in allen Kunststücken talmudischer Meisterschaft. Eine Talmudgrößo, wie Josef Sa ul N a t h a n s o n, zitiert seine3i Vorzugssehüler, den fünfzehnjährigen Bloch, in -seinen Gutachten. Ein ' C h a j im C o Ii e n R appaport richtet an -ihn. Rechtsbescheide, an den „Isch(-Josef Sch'muel) B i o G-h", wie er ihn apostrophiert. In diesem Kinde,, dem die Gaonim Gaüziens das Prognostikon einer Leuchte des Rabbinismus stellten, erwachte mit einem Male: der Drang nach 'den Biidungssehätzeu des Westens/ Von seinem Elternhause hatte er hiefür keinerlei Unterstützung zu erwarten. Sein Vater, ein biederer Bäcker in dem Beskidenstädtehen Dukla, das im Weltkriege eine besondere Bedeutung erlangen sollte, war früh verstorben. Der kleine Josef hatte im Betriebe der Bäckerei selbst mithelfen müssen- Eines Tages war er bei einem Verkaufsstand postiert, um Semmein zu verschleißen. Kaum hatte er die ersten drei Stücke abgesetzt, als er auch schon in die Bäckerei um Nachschub soiu'ektc. Er sah bereits den ganzen Vorrat verkauft. Dieser jugendlich heißblütige Optimismus, der ihm auch im Mannesalter treu geblieben ist und ihm die wichtigsten Dienste geleistet hat, gab ihm den Mut, nach einer Kindheit, die in mehr als einem Punkte der Salomon Maimons ähnelt, auf eigene Braust in die Fremde zu ziehen. Richtunggebende Eindrücke empfing er in (3 er Rabbinerschule Israel Hildesheimers in Eisenstadt. Hildesheimer prophezeite B i o c h, er werde vielleicht einmal ein klassisches Latein, aber nie einen deutschen Aufsatz schreiben. Welche Energie muß also aufgebracht worden sein, wenn aus dem galizischen Bochur einer der bedeutendsten jüdischen Journalisten deutscher Zunge und einer der beamtetsten Redner des österreichischen Parlamentes geworden ist! Dazwischen Hegen Jahre bittersten Entbehrens. Bettelarm, auf Schritt und Tritt durch seine östliche Aussprache behindert, setzte sich Bloch, bereits zum Jüngling gereift, in Magdeburg und Liegnitz neben- Knaben auf die Gymnasialbank. In München, wo er oft mangels eines Obdaches auf der Straße näoh>e. Dr. Josef S. Bloch als Bezirks=Rabbiner nachdem er tagsüber durch „Kopfarbeit" — als Ziegelträger — sein hartes Brot sich hatte verdienen , müssen, besuchte er die Universität, begann er auch seine wissenschaftlich-literarische Tätigkeit. An der Universität in Zürich errang er den philosophischen Doktorgrad. Nun begann seine Lauf- oder für ihn richtiger: seine Leidensbahn als Rabbiner. Rendsburg (Holstein). Kobylin (Posen), Brüx und Floridsdorf waren die Stationen. Das Amt des Rabbiners im Westert hatte er auf seinen Lein*- und Wander jähren frühzeitig, aus unmittelbarer Nähe kennen gelernt. Er hatte in verschiedenen Rabbinerhäusern gastliche Aufnähme gefunden, zum Teil seinen Unterhalt dadurch erworben, daß er jüngeren Rabbinern von seinem Reich-' tum an ialmuüisehem Wissen mitteilte. Der auf diesem- Wege gewonnene Einblick in die Art, mit Vorstehern umzugehen, erwies sich, aber bei Bloch für seine rabbüiische Praxis als wenig fruchtbringend. Es kam hie und da zwischen ihm und seinem Vorstand zu unliebsamen Diskussionen. Von. der einen Gemeinde nahm er damit Abschied, daß er den Vorsteher unter Ader Augen in eine Unterhaltung verwickelte, in deren Verlauf eine — Hundspoiische die Rolle des Interpreten übernahm. Die Jahre dämpften dieses ungezügelte Temperament wenigstens in etwas. Als Familienvater teilte .er seine Zeit gewissenhaft zwischen Amt, reger wissenschaftlicher Arbeit und haushohen Pflichten, die ihn sogar als Trockenamme bei der jüngeren Töchter mitunter Tag und Nacht in Ansprach nahmen. Ein ergötzliches Idyll bildete im Floridsdorfer Rabbinatsgärtchen Bloch, lustwandelnd im Schlafrock, in der