Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 81)
- Language
- German
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In diesem Konflikt hat sich das liberale Judentum für die letztere Betrachtungsweise entschieden. Es weiß sehr wohl, daß es Menschen genug gibt, bei denen ein solcher Gewissensstreit nie eintritt, die mit ganzem Herzen dabei sind, wenn sie alte Vorschrift erfüllen, die bis zum letzten, durch Gewohnheit zum Gesetz erhobenen Brauche nichts übertreten an alten Uebungen und erhebendes Hochgefühl aus ihrer Treue schöpfen. Wo aber Uebung und Gesinnung nicht zusammenstimmen, wo dasi Festhalten am Alten nur unter dem Opfer der Herzensfrömmigkeit geschehen könnte, da lehrt der Liberalismus, das Judentum vom Herzen aus zu erfassen, von dem Herzen des Einzelnen, von der im Persönlichen wurzelnden Frömmigkeit. Und er schöpft das Recht hierzu aus der Geschichte der jüdischen Lehre. Auch diese steht wie alle andere Geschichte unter dem Gesetz der Entwicklung. Hillel und Rabbenu Gerschon, Rabbi Jochanan ben Sakkai, Rabbi Jehuda hanasi und Rab und Rabina haben keine Bedenken getragen, altüberlieferte Grundsätze außer Acht lassend, Neuerungen anzuordnen, die die Zeitverhältnisse erheischten. Esra hat die Einrichtung getroffen, daß die Thoravorlesung beim Gottesdienst in der Uebersetzung erfolgt, damit ihr Inhalt von denen verstanden werde, die den Urtext nicht verstehen. Von welch ungeheurer Tragweite war die schriftliche Fixierung der mündlichen Lehre: hatte es doch Jahrhunderte lang als unumstößliche These gegolten, daß eine solche Niederschrift dem ausdrücklichen und klaren Verbote der Thora zuwiderhandle. Alle diese „Neuerer" sahen den Zwiespalt zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, sahen die Gefahren, die die Zukunft des Judentums bedrohten, und handelten in der heiligen inneren Gewißheit, ihrer Lehre zu dienen durch Anpassung an die Forderungen des Tages. Und mancher von diesen mutigen Männern wurde von Zeitgenossen, die ihn nicht verstanden, als Feind des Judentums bekämpft. Moses Maimonides, der seine Lebensaufgabe darin erblickte, ein „Führer der Irrenden" zu sein, hatte zu Lebzeiten unendlich unter solchem Unverständnis zu leiden, ja auch den Toten, schmähte man noch fast ein Jahrhundert lang. Und er ist eine unbestrittene Autorität geworden, weil die Nachwelt erkannt hat, daß er auch da, wo Zeitgenossen ihn als Zerstörer ansahen, in Wirklichkeit aufbauen w o 11t e und aufbauend gewirkt hat. 6 81