Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3140913-3140914--081-3141003- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Durchaus kein neuer Gedanke, den etwa die junge liberale Bewegung in das Judentum hineingetragen hätte. Er läßt sich zurückverfolgen bis in ganz alte Zeiten jüdisch-religiöser Ausdrucksformen hinein. Er begegnet in dem betenden Ich der Psalmen. Er beherrscht die Verkündigungen der Propheten, wenn sie ihr Donnerwort gegen die Mechanisierung des Opferdienstes schleudern. Sie fordern fromme Gesinnung und sprechen von der Abscheulichkeit von Handlungen, die sich als Zeichen von Gottesverehrung ausgeben, hinter denen aber kein aufrichtig fühlendes Herz steht oder gar kalte Roheit, die hemmungslos Bosheiten verübt. Und der Gedanke durchzieht das gesamte religiöse Schrifttum. Der Talmudlehrer betont: Gott fordert Herz; die mittelalterlichen Sittenlehrer B a c h j a. Jehuda halevi, Maimonides, Albo weisen wieder und wieder aufs eindringlichste und in den mannigfaltigsten Variationen darauf hin: „Frömmigkeit ist nur Sache des Herzens, der Gesinnung und der Gedanken" (Bachja, Herzenspflichten V); und nicht anders die Lehrer der neueren Zeit: etwa Mose Chajim Luzzatto: „Gott genügt es nicht, daß das göttliche Gebot ausgeübt wird; das Wichtigste ist ihm, daß das Herz rein und in seinen innersten Regungen auf den rechten Dienst Gottes gerichtet sei" (Wege der Frommen Kap. 16). In der Verwirklichung dieser urreligiösen Forderung aber wird das Problem offenbar: wie denn, wenn „Gesetz" und Gesinnung in Widerstreit miteinander geraten! Wenn Worte überlieferten Gebetes im Empfinden des Beters keinen Widerhall zu wecken vermögen? Wenn ein spätgeborenes Geschlecht altgeübte Bräuche nicht mehr mit frommer Gesinnung beobachten könnte? Wenn Wahrhaftigkeit und aufrichtige Treue nicht mehr alles zuließen, was einst bedeutungsvoll und reich an frommer Kraft gewesen ist? — Soll jüdische Lehre nur in bedingungslos unabänderlichen Formen ihren Ausdruck finden, so daß schließlich die Forderung persönlicher Frömmigkeit hinter der Unbedingtheit der Uebung zurückstehen muß? Oder ist das Persönliche an der Religiosität das Unantastbare, die Uebung nichts als Erscheinungsform, die, wie alles, was in das Menschendasein hineintritt, um des Menschen willen geformt werden muß? — 80