Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 62)
- Language
- German
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Unsere hiesige jüdische Schule kann im nächsten Jahre ihren 20. Geburtstag begehen. Die von ihr Erzogenen machen eine stattliche Gemeinde aus; sie bilden einen großen Teil der erwachsenen jüdischen Jugend unserer Stadt, sind aber auch vielfach über die weite Welt zerstreut. Nicht alle sind in der Praxis des Lebens den religiösen Idealen treu geblieben, für die die Schule ihre Herzen zu gewinnen suchte. Es ist naturgemäß so ziemlich jeder das geworden, was seine individuellen Lebensumstände aus ihm gemacht haben. Und doch hat die Schule durchwegs jedem Zögling unverwischbar ihren Stempel aufgedrückt. Sie sind nicht nur fast alle einmütig im Bewußtsein dessen, daß ihnen die Schule die ersten Stadien des Lebens froh und sonnig gestaltet, ihnen also ganz eigentlich ihre Jugend „gerettet" hat, sondern fühlen auch, daß gerade dadurch ihre Verknüpfung mit dem Väterglauben eine festgefügte, ihre Verwurzelung mit der jüdischen Gesamtheit eine unzerreißbare geworden ist, daß ihnen in der Kindheit, während des Schullebens, ihr Judentum nicht, wie anderen, ein Stein des Anstoßes, sondern ein Quell der Freude und Beglückung gewesen ist. Zahlenmäßig hat sich zwar die hiesige Schule nicht so entwickelt, wie es nach dem verheißungsvollen Anfang — sie hat mit 300 Schülern begonnen — zu erwarten gewesen wäre, aber daß ihr Ansehen und ihre Geltung in Fachkreisen und bei den Schulbehörden sich in immer aufsteigender Linie bewegt, darf gewiß behauptet werden. Pädagogen von Ruf haben von jeher an ihr gewirkt; aber da ihre finanzielle Basis nicht hinreichend gesichert ist, so mußte die Schule ihre hervorragendsten Kräfte an andere besser fundierte Anstalten abgeben. Die Direktoren fast sämtlicher jüdischer Realschulen in Deutschland haben sich die Eignung für die jetzt von ihnen bekleideten Stellungen an der höheren israelitischen Schule in Leipzig erworben. Wenn wenigstens diejenigen Kreise in unserer Stadt, die ihrer jüdischen Lebens- und Weltanschauung nach konsequenter Weise eine jüdische Schule in Anspruch nehmen müßten, sich über alle — besonders über die gesellschaftlichen — Vorurteile, die erfahrungsgemäß am schwersten zu besiegen sind, hinwegsetzen und ihre Kinder der jüdischen Schule anvertrauen würden, wäre ihr Bestand gesichert und würde sie im wesentlichen der finanziellen Hilfe entraten 62