Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 61)
- Language
- German
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dem aucli durch gemeinsame Abstammung und Geschichte verbunden ist, ist doch nicht zu unterschätzen. Wenn sich auch in der Entwicklung Stehende meist keine Rechenschaft darüber geben, instinktiv fühlen sie doch, daß sie zum Nachbar gehören, der zum selben Gott betet, unter dem gleichen Sittengesetz steht, der die gleichen Feste feiert, dieselben Heiligtümer verehrt, und mit dem er schicksalverbunden ist in Freud und Leid. In der christlichen Schule ist er isoliert, eine Art Fremdkörper in einer sonst homogenen Gesellschaft; er bedarf erst der Rechtfertigung wegen seines Andersseins, muß erst beweisen, daß er nicht schlechter ist. Die Atmosphäre aber in der jüdischen Schule ist von Mißtrauen frei, hier ist er in einem freien Lande, einem freiheitlichen Staate, in dem der Bürger nur nach dem, was er ist und leistet, gewertet wird, wo jeder seines Glückes Schmied ist und der Grundsatz gilt: freie Bahn dem Tüchtigen. Der Lateiner nennt die Bildungsanstalt, in welcher er die geistige Substanz des Lebens in sich aufnimmt „alma mater", holde Mutter. Dem jüdischen Kinde zeigt die Schule des Staates, die es als Bürger zweiter Ordnung betrachtet, keine mütterlich liebevolle Miene. Wohl aber wird die jüdische Schule ihrem jüdischen Zögling zur mütterlichen Freundin. Sic stellt sich die Aufgabe, denen, die sie frequentieren, allgemeine und religiöse Bildung in harmonischer Vereinigung zu vermitteln, die ihr anvertrauten jungen Menschen dahin zu bringen, daß sie nicht nur mit dem Rüstzeug moderner Bildung für den Existenzkampf gewappnet, sondern auch als Juden ihre Pforten verlassen, die vön der Wahrheit ihrer Religion durchdrungen und von Stolz über ihre Stammeszugehörigkeit erfüllt, dem so vielfach verkannten Judentum zur Ehre gereichen sollen. Die Zeit, für ihr Judentum leiden zu müssen, kommt früh genug. Solange sie Kinder sind, sollen sie von solchem Leid verschont bleiben, haben sie ein Anrecht darauf, ihre Jugend ohne Trübung genießen zu dürfen, ohne mit der Lieblosigkeit der uns feindlichen Umwelt Bekanntschaft zu machen. In der jüdischen Schule sollen sie soviel Liebe und Begeisterung für den durch Jahrtausende geheiligten Väterglauben einatmen, daß, wenn sie später unsanft an ihr Judentum erinnert werden, sie wenigstens wissen, wofür sie leiden. 6t