Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3140913-3140914--058-3140980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ist ja die Antwort auf die Frage nach dem Zweck des Menschen auf Erden. Sie ist entweder Ausgangspunkt und Endziel aller Erziehung, oder sie führt ihren Namen zu Unrecht. Religion kann man nicht mit Brosamen, mit Gnadenbrot abfinden, man kann sie nicht zum Aschenbrödel der Lebenszwecke machen. In Simultan-Anstalten wird die Seele des Kindes mit Inhalten gefüllt, die mit Religion nichts zu tun haben, ihr teilweise sogar diametral entgegengesetzt sind. In einer jüdischen Schule aber steht der gesamte Unterricht unter dem Zeichen der Religion. Alle anderen Kulturwerte, die dem Kinde vermittelt werden, müssen es sich gefallen lassen, am Gradmesser der Religion abgeschätzt zu werden. Sogar die Naturwissenschaften dürfen dem kindlichen Geiste nur so nahe gebracht werden, daß sie nicht im Widerspruch zu der von der Religion sanktionierten Welt- und Naturauffassung stehen. Auch das religiöse Leben tritt in der jüdischen Schule dem Kinde als ein imponierender Faktor entgegen. Die Sabbate und die Feste werden, wie ganz selbstverständlich, offiziell respektiert und können so den von der Religion beabsichtigten Einfluß auf das Kindesgemüt haben. Theoretisch ist es zwar möglich, all das auch in der nichtjüdischen Schule zu erreichen. Es kann in einem außerhalb der Schule liegenden Religionsunterricht dem erfolgreich entgegengewirkt werden, was die allgemeine Schule an Antireligiösem lehrt. Es können auch Dispense an Feiertagen erwirkt, und, wenn das Elternhaus ein wahrhaft frommes ist, jede Einbuße an religiösen Werten vermieden werden. Aber es liegt auf der Hand, daß das immer ein gewagtes Experiment ist. Der tüchtigste Religionslehrer wirkt dann nicht mehr überzeugend auf das Kind, wenn diesem die religionswidrigen Lehren der Schule in einer ihm entsprechenden und einleuchtenden Weise gegeben werden, und das frömmste Elternhaus kann oft die Weiheatmosphäre an Sabbathen und Festen nicht schaffen, wenn die Kinder in ihren Gedanken auch an heiligen Tagen mehr der Schule als dem Elternhaus gehören; und das ist bei gewissenhaften Schülern immer der Fall, wenn sie wissen, daß in der Schule alles seinen Gang weitergeht, daß die Kameraden arbeiten müssen, während sie feiern, und daß sie durch ihr Fernsein hinter ihren Mitschülern zurückbleiben. 57