Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine · 1931-01-01 · 1931-1932 · p. Seite 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
Volume
1931-1932
Date
1931-01-01
Page
Seite 55 (sequence 55)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3140913-3140914--056-3140978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Deutschlands den Verbrauch an Rauchwaren, einem Luxusartikel, schon an sich stark eingeschränkt hätte. So macht denn die Leipziger Judenheit zur Zeit eine schwere Prüfung durch. Wenn auch gewiß der Grundstock der Gemeinde gesund ist und uns um die Aufrechterhaltung der Gemeindeorganisationen und ihrer Einrichtungen nicht bange zu sein braucht, gibt doch fraglos die unendliche Fülle von Kleinhändlern, deren Betätigungsgebiete stark beschränkt oder ganz eingegangen sind, ihren glücklicheren Mitbürgern ein schweres Problem auf, das darum um so komplizierter ist, weil dieser Schicht die Organisation und damit die Möglichkeit der Geltendmachung von Forderungen fast gänzlich fehlt. Auch die Arbeitslosigkeit in der jüdischen Bevölkerung bietet andere und weit größere Schwierigkeiten als in irgendeiner anderen Gemeinde Deutschlands. Wenn nun auch diese Ausführungen pessimistisch klingen, so. sei doch zum Schlüsse dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß die Leipziger Verhältnisse nur dann so niederdrückend wirken, wenn man sie aus ihrem Zusammenhange herausgenommen betrachtet. Auch sie sind lediglich eine Episode in der großen jüdischen Geschichte, und im Vergleich zu den Niedergangserscheinungen früherer Epochen bedeutet schließlich die Not von heute nur wenig. Man darf die Zustände unserer Stadt für noch so traurig halten, mit der Not der Juden in Polen, Marokko oder Persien darf man sie nicht auf eine Stufe stellen. Es wäre lächerlich, wenn man darüber hinaus verkennen wollte, daß die Lage der Juden im Mittelalter, in Deutschland und anderswo, viel trostloser und trauriger war. Und trotzdem gab es wieder einen Aufstieg und einen Weg zur Höhe! Jeder empfindet natürlich die Schwierigkeit einer Zeit, in der er selber lebt, viel tiefer, als wenn er nüchtern die Geschichte vergangener Zeit betrachtet. Und da keinem die Gabe der Prophetie gegeben ist, sieht man auch den Ausweg nicht, der aus dem Dunkel ins Helle führt. An die Stelle des Berechnens und des Voraussagens tritt aber die Hoffnung, nicht vager Optimismus, sondern die in der Geschichte unseres Volkes zu tausenden von Malen bestätigte Zuversicht, daß Israel nicht verwaist ist. Und auch für die Entwicklung der Leipziger Judenheit soll der SaU gelten, daß der Größe der Not und der Tiefe des Abstiegs die Kraft eines zukunftsfreudigen und tatkräftigen jüdischen Willens entsprechen muß und wird. 55

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.