Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 54)
- Language
- German
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Grundlegend veränderte sich aber das Antlitz der Leipziger Judenheit im Kriege und den erste n Nachkriegs jähren. Zunächst vermehrte sich die Zahl nicht unbeträchtlich. Die Massen der durch die Russen aus Qalizien vertriebenen Juden wandten sich nach dem Westen, und wieder kamen nicht wenige im Vertrauen auf die Hilfe von hier ansässigen Verwandten, auch nach Leipzig. Die immer größer werdende Knappheit des Menschenmaterials zwang die deutsche Regierung, viele Ostjuden als Munitionsarbeiter ins Land zu ziehen, von denen nicht wenige sich nach dem Kriege auch in Leipzig niederließen. Und als nach dem Friedensschluß einerseits im Osten die Not ins Ungemessene stieg, andererseits aber England und Amerika, die wichtigsten Einwanderungsgebiete, ihre Tore den Flüchtlingen fast gänzlich sperrten, setzte der Druck der Massen gegen die deutschen Grenzen ein. Während vor dem Kriege die jüdische Bevölkerung Leipzigs etwa 9500 Seelen betrug, ist sie bis heute um 40 Prozent auf 13 000 angewachsen. Sie hat aber inzwischen schon 15 000, vielleicht noch mehr, betragen. Die auch hier im Inlande sich geltend machende Not und das Verbot der Arbeitsaufnahme für nach dem Jahre 1919 Zugewanderte hat es bewirkt, daß eine große Menge wieder nach Polen zurückgekehrt oder nach Frankreich weitergereist sind. Bewirkte schon der übermäßige Zuzug einen gewissen RückgangdersozialenLageder Gemeinde, so wurde diese Tendenz durch die rückläufige Bewegung im Rauchwarenhandel noch beträchtlich verstärkt. Fraglos hat der Krieg Leipzigs Bedeutung im Welthandel sehr verringert. Die langen Jahre des Abschlusses der deutschen Grenzen haben sich andere Länder und Städte zu Nutze gemacht, und heute sind nicht nur London und New York zu starken Zentren auf dem Gebiete des Handels geworden, sondern auch Zurichterei und Veredelung werden immer mehr von Leipzig und Deutschland unabhängig. Dazu kommt noch, daß Rußland als Einkaufsgebiet für Rauchwaren nur noch in beschränktem Maße in Betracht kommt, während der Mandel mit Borsten und ihre Verarbeitung durch die Sowjetbehörden vollständig monopolisiert sind, so daß dieser Zweig in Leipzig leider vollständig zu Grunde gegangen ist, Hand in Hand mit der gestiegenen Zahl von Arbeitskräften geht demnach der Rückgang der Geschäftsbräuchen, in denen sie Beschäftigung zu finden hoffen. Und die Folge wäre auch dann eine starke Proletarisierung der Leipziger Judenheit gewesen, wenn nicht die allgemeine wirtschaftliche Lage 54