Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adressbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine
- Volume
- 1931-1932
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 53)
- Language
- German
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allen Zweigen der Rauchwaren- und Borsten zurichterei. Fraglos drängte die junge Generation mehr zur kaufmännischen Seite dieser Zwfeige, und der jüdische Kürschner insbesondere suchte fast stets seinem Triebe zur Selbständigkeit und zur Ausgestaltung seines Betriebes nach der kaufmännischen Seite nachzugehen. Aber auch wenn man diese Einschränkung berücksichtigt, hatte man in Leipzig vor dem Kriege eine weit größere Menge von jüdischen Handwerkern und Arbeitern als in irgdeneiner anderen Stadt Deutschlands. Auch als ungelernte Arbeiter in dem mit dem Rauchwarenhandel zusammenhängenden Transportwesen, als Träger, als Boten und Hausdiener, fanden Juden in nicht geringer Zahl Beschäftigung. Inzwischen wurde aber der Zuzug aus dem Osten aus anderen Gründen immer stärker. In Galizien machte sich die wirtschaftliche Not immer drückender geltend, und in Rußland wurde sie durch die politische Unterdrückung und die gewaltsamen Verfolgungen noch stark vermehrt. Als aber der Strom der Auswanderung einsetzte, wandte sich eine große Menge von Ostjuden darum nach Leipzig, weil sie hier Freunde und Anverwandte in großer Zahl hatten. Viele der neuen Ankömmlinge suchten mit mehr oder weniger Erfolg gleichfalls im Rauchwarenhandel unterzukommen. Die es nicht vermochten, wandten sich dem Kleinhandel, insbesondere mit Textilwaren, zu, besuchten Märkte und Messen oder sie wurden am „Brühl", der zu einem Begriffe gewordenen Hauptstraße der Rauchwarenhändler, Gelegenheitsvermittler, oft auch „Luftmenschen", ohne geregelte Arbeit und Verdienstmöglichkeit. Gerade unter ihnen betätigten sich viele auch als Aufkäufer von Fellen in allen Teilen Deutschlands. Und bis zum Weltkriege stellte sich die Leipziger Judenheit, soweit sie ostjüdischen Ursprungs war, als eine Masse dar, die in sich fast einen selbständigen Wirtschaftskörper mit allen seinen Verzweigungen ausmachte. Von reichen Kaufherrn bis zum bescheidenen Lastträger waren auf allen Stufen des Rauchwarengeschäfts Juden tätig, und stellte sich auch der durchschnittliche Verdienst und die allgemeine Lebenshaltung als nicht sehr hoch dar, so war doch auch die Anzahl der einer Unterstützung bedürftigen Armen nicht übermäßig groß. Zudem handelte es sich zumeist um die frisch Angekommenen, die so lange betreut werden mußten, bis es ihnen gelang, in einem der von Juden bevorzugten Wirtschaftsgebiete Unterschlupf zu finden und sich zu erhalten. Beschäftigungsiosigkeit in größerem Maße und ein eigentliches Proletariat gab es damals noch nicht. 53