Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 10 (1938)
- Issue
- 6 (9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3133276-3139388-3139394--1364-3140894- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Leid war eine Begleiterscheinung der Galut, nicht aber das Dominierende in ihr. Neben dem Leid gab es Leben, Mut und Glauben. Das Leid wurde aufgenommen und eingefangen von einer Vitalität, die nicht zu brechen war. Heute ist all dies anders geworden. Das Leid hält den ganzen Menschen gefangen. Es hat sich auf alle Erscheinungsformen unseres Lebens gelegt. Es schleicht sich überall ein. Es lähmt den Lebenswillen, den Mut und den Glauben an die Zukunft. Galut war einst Schicksal, das gemeistert werden mußte und gemeistert worden ist. Heute ist Galut in diesem Land eine Krankheit der Seele. Galut war Leben, heute ist Galut Leid — dies ist die Hörigkeit an die Sorge. Wir gehören heute unseren Sorgen — darin besteht das vorläufige Fazit aus dem sich schließenden Kapitel jüdischer Geschichte in Deutschland. Die vergangenen 5—6 Jahre waren, innerjüdisch gesehen, unter dem Gesichtspunkt der Verpflichtung und der Aufgabe eine Periode der Enttäuschungen. Enttäuscht hat der jüdische Mensch — im Volk und in der Führung. Als diese neue Epoche unserer Geschichte begann, glaubten wir, an der Schwelle einer für uns Juden in Deutschland großen Zeit zu stehen. Wir glaubten an die Wandlung und Erneuerung des jüdischen Menschen im aufwühlenden Geschehen der Zeit. Wir haben uns geirrt. Der neue jüdische Mensch, auf den wir warteten, ist nicht Wirklichkeit geworden. Die große Chance der Erneuerung aus der Kraft des historischen Geschehens ist bereits — zum großen Teil — vertan. Geblieben ist nur der Elan der Not. Er ist es, der uns heute noch bewegt. Der Mensch aber ist im wesentlichen der gleiche geblieben. Wie er als Einzelner in der breiten Masse enttäuscht hat, so enttäuschte er auch in den Organisationen, die mit der Lenkung unseres Lebens betraut waren. Niemals wurde in den vergangenen Jahren von verantwortlicher jüdischer Seite vorausschauend, nüchtern und sachlich die jüdische Situation in Deutschland konsequent zu Ende gedacht. Da dieses „Zu-Ende-Denken" gefehlt hat, arbeitete man im Grunde genommen ohne Planung. Man sah nicht über den Augenblick hinaus. Von allem ließ man sich überraschen. Man führte nicht, man wurde geschoben von der Not des jeweiligen Augenblicks. Nicht Beschuldigung wird damit erhoben, sondern ein Mangel festgestellt. Es fehlte die konstruktiv-wegweisende Tat. Selbst unsere zionistischen Organisationen haben sich mit der Propaganda begnügt. Sie haben „Stimmungen" organisiert, nicht aber den Menschen erfaßt. Das Vorausschauende und Schöpferische ging uns ab — die Freiheit im Leid. 2