Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 9 (1937)
- Issue
- 5 (10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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sie am Abend vertreten wollen, gut zu formulieren und gegen die anderen abzugrenzen. Alle lernen, sich eine Meinung zu bilden, sie zu behaupten, aber in einer Form, die den Rahmen der Gemeinschaft nicht sprengt. Die Sachlichkeit der Argumente muß so selbstverständlich werden, daß die Vertreter der extremsten Meinungen persönlich die besten Freunde sein können. Niemals darf eine geistige Auseinandersetzung zur Zersplitterung führen. Wir achten darauf, daß die Meinungen maßvoll geäußert werden, daß Selbstdisziplin geübt wird. Während wir anfangs jede Äußerung dankbar annehmen, die Stillen ermuntern, mitzureden, damit wir einen Einblick gewinnen, in das, was in den Menschen vorgeht, wird die Meinungskundgebung allmählich stark gezügelt. Sie lernen, nur das Notwendige sagen, und wenn einer sich vergißt und redet, weil er sich gerne hört, weist der Protokollführer seine Antwort zurück: das ist schon mit andern Worten gesagt worden. Sie lernen Nebensächliches dem Wichtigen unterordnen. Sie lernen, wenn sie der Reihe nach Protokolle über die Arbeitsgemeinschaft anfertigen, eine Sache objektiv genau darstellen, nicht, wie sie es anfangs taten, mit persönlichen Erweiterungen und Abweichungen. Das wichtigste ist natürlich die der körperlichen Arbeit gewidmete täglich achtstündige Arbeitszeit. Hier heißt es, sich bewähren. Es ergibt sich aus der Arbeitsteilung in verschiedenste Gebiete auf getrennten Plätzen (Ställe, Felder, Garten, Wiesen), daß nicht bei jeder arbeitenden Gruppe ein Leiter oder Vorarbeiter sein kann, wunderbare Gelegenheit, Selbstdisziplin zu üben, gerade jetzt gut zu arbeiten, sich Mühe zu geben. Nach kurzer Zeit entwickeln sich ganz ohne unser Zutun Leiter aus der Gruppe heraus, die die andern anfeuern und willig anerkannt werden. Diese Jungen sind dann auch die ersten, die ein näheres Verhältnis zum Leiter suchen und ihn der Gruppe gegenüber stark entlasten, weil er durch sie über alles orientiert ist. Es müssen gar nicht die intelligentesten sein, meistens sind es die menschlich zuverlässigsten. Nach gewisser Zeit, wenn auch die übrigen dem Leiter näher gekommen sind, ergibt sich Gelegenheit, mit ihnen über die Grundlagen unseres Zusammenlebens zu sprechen, sie für vieles — fast für alles — in diesem Leben mitverantwortlich zu machen, und schließlich den Sinn von all dem aufzudecken. Fast ohne unser Zutun hat sich in der Gruppe der Gedanke entwickelt, daß jeder versuchen muß, irgendein Verhältnis zu allen andern zu gewinnen. Anfangs ist der kollektivistische Zug sehr stark, wir müssen bremsen, daß die Gruppe nicht zur Herde ausartet, daß der Rahmen immer weit genug bleibt, um Raum für echte, tiefe Freundschaft zu lassen, die hier besonders wichtig ist. Noch eine Idee, die eng damit zusammenhängt, ist fast von selbst entstanden: die Verantwortung des einen für den andern. Gelegenheit, diese Verantwortlichkeit zu betätigen, gibt es immer, aber manchmal sind be- 9