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Zion · 1937-10-01 · 5 (10.1937) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
9 (1937)
Issue
5 (10.1937)
Date
1937-10-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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Erziehung nichts sein als ein allmähliches Entwickeln der im Individuum ruhenden Kräfte, ein Entfalten von all dem, was keimhaft schon vorhanden ist, und dann als zweiter Schritt die Lenkung dieser Kräfte auf ein bestimmtes Ziel hin. Der Weg, den der Erzieher 'beschreiten muß, ergibt sich aus dem Bild, das er vom Ziel hat. Heute, in unserer Zeit liegt eine Gefahr greifbar vor uns. Wir sind in einer Epoche der Reaktion auf die Betonung des Individuellen als des ersten und letzten Wertes. Diese Reaktion hat ihre volle Berechtigung, denn nicht die Ausweitung dieses oder jenes Individuums zu seiner größtmöglichen Kraftentwicklung kann unser Ziel sein, es ist vielmehr die Ausweitung einer Gemeinschaft (Gruppe—Volk—Menschheit). Aber wie kommt es zum Bau dieser Gemeinschaft? Auf den ersten Blick scheint es am einfachsten, alles Individuelle auszulöschen, alles Persönliche solange zurechtzustutzen und zu pressen, bis es in den gemeinsamen Rahmen genau hineinpaßt — und es gab am Beginn der bündischen Bewegung auch wirklich Menschen, die diese Ansicht vertraten. Wir stehen heute auf einem anderen Standpunkt. Wenn wir nur kollektive Gefühle züchten und die Neigung zu sozialer Anpassung entwickeln und bekräftigen, dann schaffen wir eine Herde, aber keine Gemeinschaft. Für den Augenblick ist das zwar bequemer, weil dann ein vom Leiter gegebener Befehl sicher vollkommen einheitlich und widerstandslos ausgeführt wird, aber für eine auf Bewährung im Leben abzielende Erziehung ist dieser Gehorsam völlig wertlos. In der freiwilligen Unterwerfung unter den anerkannten Willen der Gemeinschaft oder des von dieser geachteten Leiters liegt das wesentliche. Dazu ist aber die notwendige Voraussetzung die vorangegangene Willens- und Charakterschulung des Einzelnen. Der ausgeprägte Wille des Einzelnen stößt mit dem der anderen Einzelnen zusammen, oft in Übereinstimmung, viel öfter in sachlichem Kampf. Ich habe schon gesagt, daß das Gruppenleben mehr als jedes andere Charakterfestigkeit des Einzelnen verlangt, und möchte jetzt im einzelnen auseinandersetzen, welche Eigenschaften besonders der Entwicklung bedürfen. Zunächst: das Gewissen. Warum gerade im Gruppenleben? Das Individuum muß doch sowieso seine Handlungs- und Bewegungsfreiheit weitestgehend der des großen Ganzen unterordnen? Gerade deswegen, weil Beschlüsse nicht vom Individuum, sondern von der ganzen Gruppe gefaßt werden, muß eine persönliche Klärung jeder Frage beim Einzelnen vorher selbsttätig erfolgen, damit er nicht in der Abstimmung „Ja" sagt, weil die meisten andern es auch tun. Ein wichtiges Ziel verfolgen wir mit unserer Arbeitsgemeinschaft. Schon nach kurzer Zeit geht die Verantwortung für den einzelnen Abend auf idie einzelnen Gruppenmitglieder über, die sich außer dem tatsächlichen Leiter vorbereiten müssen. Sie lernen so, selbständig angegebene Quellen durchzuarbeiten, die Meinung, die 8

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