Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 9 (1937)
- Issue
- 3 (7.1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- Seite 12 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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gewaltsam dem nationalen Geist anpassen soll. Es ist im Grunde nicht einzusehen, wieso Achad Haam einerseits dem nationalen Juden das Recht einräumt, sich von dem religiösen Glauben seiner Väter zu befreien, andererseits aber ihm die Pflicht auferlegt, «ich an die jüdisch-nationale Ethik gebunden zu fühlen. Warum muß das Verhältnis .zur jüdischen Ethik positiv sein, während sie zur jüdischen Religion auch negativ ausfallen kann? Die nationale Wertung fordert dies keinesfalls. Im Grunde ist das Verhältnis des nationalen Menschen zu Dingen der Weltanschauung ein rein menschliches und kein nationales. Der religiöse Mensch fühlt in sich die Pflicht, die Wahrheit von bestimmten Uberlieferungen anzuerkennen. Der nationale Mensch fühlt eine solche Pflicht nicht. Anschauungen und Glaubenslehren fallen für ihn in den allgemein menschlichen und nicht in den nationalen Bereich. Auch die Anschauungen des areligiösen nationalen Juden, die jüdischen Ursprungs sind, werden von ihm nicht als jüdisch-naitionale sondern als allgemein menschliche gewertet. Die Forderung Achad Haams, eine Renaissance des Judentums durch einen Ausgleich zwischen jüdischen und europäischen Anschauungen herbeizuführen, wie es die Newuchim, .die Verirrten, einst auf ihre Weise getan haben, ist darum ein Anachronismus. Die einstigen Newuchim im jüdischen Volke befanden sich zwischen zwei .Kräften, zwischen ihrem unerschütterlichen Glauben an die Göttlichkeit der jüdischen Überlieferung und den Anschauungen der Wissenschaft ihrer Zeit, die ihrem Glauben zu widersprechen schienen. Diese Newuchim suchten durch philosophische Betrachtungen nachzuweisen, daß ein solcher Widerspruch nicht besteht, und schufen einen Ausgleich zwischen allgemeiner Wissenschaft und Judentum. Aber wie kann man von einem Ausgleich sprechen bei einem Menschen, der nicht an die Heiligkeit des Ursprungs seiner Anschauungen glaubt? Der moderne nichtreligiöse Jude wird sich keinesfalls zufrieden geben mit einem Ausgleich zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gedankengängen, der die jüdischen Denker seit der alexandrinischen Periode beschäftigt hat. Kein Augleich kann den Riß im Herzen des nationalen Juden heilen, der den Glauben seiner Väter verlassen hat, den Riß, von dem Berdyczewski soviel spricht. Das Problem, das die Newuchim beschäftigte, war ganz und gar ein religiöses Problem: es ging um die Erhaltung des Glauibens an die Wahrheit und Göttlichkeit der jüdischen Überlieferung. Die religiöse Wertung der Überlieferung stand fest, es handelte sich nur darum, sie vor der Gefahr zu schützen, die ihr aus dem Geist der Zeit drohte. Ganz anders ist das Problem der jetzigen Newuchim. Ihr Problem ist ein ausgesprochen nationales. Nicht der Widerspruch zwischen der jüdischen Lehre und dem Zeitgeist bedrückt sie, sondern -die Tatsache, daß sie keinen Anteil mehr haben an dem Glauben, für den ihr Volk seit seiner Entstehung gelebt und gelitten hat. Sie fühlen, daß durch ihren Verlust der jüdischen Religion ihnen zugleich die wunderbare Kraft verloren ging, die das jüdische Volk in der Galut einigte und erhielt. Das Gespenst von der Erschütterung der Existenz des jüdischen Volkes in der Gola ängstigt sie.« Aber was nützt einem solchen wesentlich nationalen Problem ein Ausgleich zwischen dem jüdischen Geiste und dem Geiste der Zeit? Auch die Tatsache, daß gewisse Anschauungen und Ideen des Judentums Allgemeingut der Menschheit geworden sind, vermag nicht, den Riß im Herzen des nichtreligiösen nationalen Juden, der um die Existenz seines Volkes bangt, zu heilen. Die Erhaltungskräfte des Judentums und damit auch der jüdischen Nation bestanden nie und bestehen auch heute nicht in den gemeinsamen Ideen der Menschheit. Im Gegenteil, die Kraft des Judentums beruht seit jeher auf Anschauungen und Ideen, die ihm allein eigen sind, im Monotheismus im Altertum und in seiner besonderen Heiligkeit in der späteren Zeit. Nur weil das jüdische Volk an seinen eigenen religösen Anschauungen und 12