Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 9 (1937)
- Issue
- 3 (7.1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Moment in verschiedener Gestalt, wie des jüdisch-nationalen Geistes bei Lilienblum und Smolenskin oder der prophetischen Ethik bei Achad Haam war mehr oder weniger in diesen Strömungen noch wirksam. Nichtdestoweniger war ein immer stärkeres Sinken des Einflusses der religiösen Momente in den nationalen Strömungen festzustellen. In einigen nationalen Richtungen ist das religiöse Moment, ja das Judentum überhaupt völlig ausgeschaltet worden. Der politische Zionismus Herzls, im Westen Europas entstanden, führte .zur jüdischen Nation Menschen zurück, die in der westlichen Kultur erzogen, nun ihre jüdisch-nationale Gesinnung und ihre natürliche Verbundenheit mit dem jüdischen Volke (betonten, aber keinerlei jüdisch-kulturelle Verpflichtungen auf sich nehmen wollten. Ihre Lebensweise und Lebensanschauung wollten sie nicht ändern und verteidigten ihr Recht, in der Kultur zu verbleiben, in der sie erzogen wurden. Herzl selbst, der Schöpfer des Staatszionismus, glaubte noch im „Altneuland", daß selbst im jüdischen Staate die Juden nach der europäischen Kultur leben und fremde Sprachen sprechen werden. In dieser Zeit entbrannte auch ein heftiger Streit in der hebräischen Literatur um das alte Judentum. Berdyczewski erneuerte den Kampf der Haskala und forderte im Namen der nationalen Wiedergeburt Ausrottung des religiösen, überlieferten Judentums. Es bildeten sich zwei Richtungen in der hebräischen Literatur, an der Spitze der einen stand Achad Haam und an der Spitze der anderen Berdyczewski und später Brenner. Das eigentliche Zentralproblem in diesem Kampfe war, ob die jüdisch-nationale Bewegung an bestimmte Anschauungen und Glaubenslehren gebunden sei. Im jüdisch-nationalen Gedanken, der den jüdischen Nationalismus mit dem Judentum als Weltanschauung zu verknüpfen suchte, waren, wie wir gesehen haben, verschiedene ineinander verschlungene Momente enthalten. Der nationale Jude ist verpflichtet, sich zur Thora zu bekennen, weil in ihr der nationale Geist Israels verkörpert ist. Der nationale Jude ist verpflichtet, die Lehre des Judentums auf sich zu nehmen, weil sie allein die Basis der Existenz des jüdischen Volkes bildet. Der nationale Jude ist verpflichtet, nach einer Renaissance des Judentums zu streben, weil dieses den einzigen Erhaltungsgrund der Nation darstellt, nachdem ihr das religiöse Ideal verloren gegangen ist. Das Judentum muß darum dem Geist der Zeit angepaßt, oder in den historischen Raum, nach Erez Israel verpflanzt werden. Der Zweck der nationalen Bewegung ist die Schaffung eines neuen Judentums. Wenn wir einen Augenblick absehen von unserer eigenen Anschauung, wonach die jüdische Religion und das jüdische Religionsgesetz uns von Gott gegeben ist, und darum niemand berechtigt sein kann, an dem überlieferten Judentum zu rütteln, wenn wir lediglich von dem rein nationalen Standpunkt aus Betrachtungen anstellen wollen, so drängt sich zu allererst die Frage auf: Wird dieses neue Judentum den Platz der Religion und des Religionsgesetzes wirklich ausfüllen ikönnen? Schon in der Wertung der jüdischen Lehre als Schöpfung des nationalen Geistes und nicht als göttliche Offenbarung ist ein freies Verhältnis zu den Inhalten dieser Lehre enthalten. Denn die nationale Wertung ist von der religiösen von Grund auf verschieden. Während die religiöse Wertung einer Lehre notwendig die Anerkennung des Wahrheitscharakters der Inhalte dieser Lehre in sich birgt, enthält dies die nationale Wertung nicht. Der nationale Mensch kann sich mit Liebe zu den Schöpfungen des nationalen Geistes seines Volkes bekennen, auch wenn er nicht an die Inhalte diesr Schöpfungen glaubt. Nur ist diese Beziehung eine sozusagen archäologische, die Glauben und Weltanschauung nicht zu ändern vermag. Es ist jedenfalls klar, daß keinerlei Grund besteht, vom nationalen, nichtreligiösen Juden zu fordern, daß er seine Lebens- und Weltanschauung 11