Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 9 (1937)
- Issue
- 3 (7.1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- Seite 10 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Verbundenheit aber dachte sich Achad Ha am nicht wie seine Vorgänger. Er strebte nach einer inneren Erneuerung, nach einer Renaissance des Judentums. Denn er war fest überzeugt, daß das nationale Erwachen an diese Renaissance innerlich geknüpft ist. Auch der Jude, der sich vom Religionsgesetz befreite, muß seine Verbundenheit mit dem Judentum als Weltanschauung aufrecht erhalten. Nach der Ansicht Achad Haams bildet die Ethik der Propheten und das in ihr enthaltene Ideal das Wesen des Judentums. Er sieht in der Anhänglichkeit des jüdischen Volkes an die prophetische Ethik das Geheimnis der Existenz der Nation in der Gola. Die ethische Zielsetzung gab nach ihm dem Volke seine geistige Befriedigung und stärkte in ihm den natürlichen Erhaltungstrieb. Das Religionsgesetz hat zwar auch zur Stärkung dieses Erhaltungstriebes beigetragen, aber es war nur das Gewand, in das sich die in der Tiefe der Seele des Volkes wirkende prophetische Ethik kleidete. Das nationale Judentum kann dieses Gewand ablegen, denn es greift auf den Ursprung unmittelbar zurück. Seine Basis ist die von den Propheten verkündete jüdisch-nationale Ethik. Das jüdische Volk bediente sich seines Religionsgesetzes nur, um in der Gola existieren zu können und um sein ethisches Ideal so weit wie möglich zu verwirklichen. Jetzt aber, in einer Zeit, in der der Strom der europäischen Kultur mit Wucht auf seine Grundfesten einschlägt, muß es sich eine Stütze im historischen Raum sichern. Darum muß es bestrebt sein, in Erez Israel ein neues Heiligtum für den Gott der Gerechtigkeit zu errichten, eine neue jüdische Gemeinschaft zu begründen, in deren sozialen Einrichtungen das prophetisch-ethische Ideal verwirklicht wird. Diese jüdische Gemeinschaft in ihrer historischen Heimat wird als Vorbild dem jüdischen Volke in der Gola dienen; aus ihr wird sich die Kraft des prophetischen Ideals über die ganze Nation ergießen, wodurch es ihr möglich sein wird, das Joch der Galut zu ertragen. Das jüdische Volk wird sich wieder bewußt werden, daß sein Leiden Sinn und Zweck hat, weil es ein großes Ideal, das es in sich tausende Jahre getragen hatte, zu verwirklichen hat. Darum besteht nach -der Auffassung Achad Haams eine innere Verbundenheit zwischen der nationalen Bewegung und der national-jüdischen Ethik. Die prophetische Ethik verleiht der nationalen Bewegung eine historische Basis und einen historischen Zweck. Der Glaube an die verborgene ethische Kraft des jüdischen Volkes gibt dem nationalen Erwachen einen inneren festen Halt. Denn dieser Glaube allein ist die Kraftquelle des jüdischen Volkes; er hat es die Qualen der 'Gola ertragen lernen, er wird ihm auch die Kraft geben, sein Land wieder aufzubauen und in der Galut weiter existieren zu können. Darum kämpfte Achad Haam gegen Berdyczews k i. Die Forderung Berdyczewskis nach „Umwertung der Werte" zerstört das historisch-ethische Ideal Israels und zertrümmert den Grund seines nationalen Lebens. Ebenso ist das staatliche Ideal Herzls gefährlich, denn es setzt das ethische Ideal in den Hintergrund. Die jüdiche Ethik muß wieder die Basis der Nation werden. Die jüdisch-nationale Bewegung muß wieder gut machen, was die westliche Reform verschuldet hat, und dem Volke die jüdische Lehre ins Herz graben, um nach ihr zu leben. Dadurch wird der Riß im Herzen der Nation geheilt werden. Die metaphysische Idee Hegels, den jüdisch-nationalen Geist, suchte also Achad Haam nicht. Er forderte vielmehr eine neue Entwicklung des Judentums, ein neues nationales Ideal, aufgebaut auf der Basis der prophetischen Ethik unter Aufnahme der europäischen Kultur. Das bisher Gesagte zusammenfassend ist festzustellen, daß in den nationalen Strömungen in den achtziger und dem Anfang der neunziger Jahre die historische Einheit zwischen Israel und seiner Lehre enthalten war, wenn auch auf eine völlig neue, nämlich nationale Basis gestellt. Das religiöse 10