Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 8 (1936)
- Issue
- 1-2 (6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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ihrem Gatten die Treue über das Grab hinaus halten; daher ihr Anschluß an seine Familie, folglich an sein Volk, folglich auch an seinen Gott. Die Ruth der Aggada ist die Proselytin, die sich auf Geheiß ihrer Schwiegermutter „reinigt" vom Götzendienst und „sich schmückt' für den Sabbat. Die religiösen Motive sind bei ihr die primären. So gewiß also das Gemeinschaftsgefühl religiös interpretiert wird, so wenig wird das Nationale in der Weise des 19. Jahrhunderts durch das Religiöse ersetzt. Selbst die Alexandriner nennen sich Ethnos, d. h. Volk. Man hat gradezu von ihrem „doppelten Heimatgefühl" gesprochen. Noch viel weiter gehen die Männer des Midrasch. Die Erlösung ist daran geknüpft, daß der Jude seinen Namen und seine Sprache, also auch seine nationalen Werte, aufrecht erhält. Soll die Schätzung des Religiösen und das Festhalten am Nationalen keinen Gegensatz bedeuten, so muß das Universale national interpretiert werden, wie (s. o.) das Nationale religiös. Das geschieht in der Tat. Wohl weiß man von Weisen und Frommen der anderen Völker. Aber man neigt doch dazu, der Weisheit, wie es schon der Sirachide tut, Israel als eigentliche Heimat zuzuweisen und ihr Lob, wie es etwa die ersten Kapitel der Sprüche Salomos enthalten, auf die Thora zu beziehen; daher verwertet man diese im Ritus des Festes der Gesetzgebung. Erez Israel erscheint als das höchste der Länder, ja, als der Mittelpunkt der Welt; die Ereignisse der Volksgeschichte haben kosmische Bedeutung; seit der Zerstörung des Tempels trauert nicht nur Gott, auch die Elemente haben ihre Kraft eingebüßt. Der Nationalismus sucht seine Wurzeln im Bewußtsein des Bluts und in der geschichtlichen Erinnerung. Den Rassengedanken im neueren Sinn, nach welchem „artverwandte" Völker auch geistig einander nahestehen, kennt das jüdische Schrifttum nicht. Kaum ein Volk wird in der Bibel und erst recht im Midrasch so scharf beurteilt wie Edom, Israels nächster Blutsverwandter. Aber allerdings setzen Bibel und Aggada voraus den Stolz des Juden auf „den Felsen, aus dem er gehauen wurde". Von da aus ergab sich ein Konflikt in der Stellung zum Proselytentum. Es gab manche Gesetzeslehrer, die gegen die Aufnahme blutsfremder Menschen waren, weil „der Strom schließlich zur Quelle zurückkehrte". Und manche wenden sogar auf Elieser, den in der Bibel so sympathisch gezeichneten Knecht und Vertrauten Abrahams, den Vers an: „Kanaan hält trügerische Wage in der Hand". Aber die günstige Beurteilung scheint zu überwiegen. Proselytinnen wie Ruth erhalten den Vorzug vor den im Judentum Geborenen. Vater Abraham nimmt nach dem Midrasch die „Seelen" mit, die er (nicht: erworben, sondern) geworben hat. Nach der Bibel wird Timna Nebenfrau eines Sohnes Esaus und schenkt diesem 21