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Zion · 1935-08-01 · 7-8 (8.1935) · p. Seite 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
7 (1935)
Issue
7-8 (8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 49 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 7-8 Z I O N Seite 49 Wir stehen also in einer die Grundprobleme der Theorie der Geisteswissenschaften sowohl wie der Theologie berührenden Fragestellung. Wir müssen uns aber hüten, unsere jüdische Haltung zur Bibel einfach vom Barometerstand der im nichtjüdischen Bereich versuchten Antworten abzulesen. Für uns ist diese Frage weder eine bloß theoretische, noch eine jenseits der geschichtlichen Wirklichkeit stehende theologische Frage. So bestrickend auch der Ausweg der protestantischen Theologie erscheint, so können wir uns gleichwohl nicht in die gefährliche und unjüdische Antithese von Zeit und Ewigkeit einzwängen lassen Trotz der Ungeklärtheit unserer geistigen Situation glaube ich, daß etwas mit Sicherheit gesagt werden kann: Die Bibel ist uns einerseits als die Tora Gottes mehr denn ein geschichtliches Dokument, andererseits aber ist die Forderung eines geschichtlich orientierten Verstehens nicht mehr von der Tagesordnung abzusetzen. Daher ist für die praktische Arbeit ein Ineinander und Miteinander von geschichtlicher und übergeschichtlicher Interpretation zu fordern. Ist die „pneumatische" Exegese getragen von der Auffassung der absoluten Uebergeschichtlichkeit des Textes, so liegt für uns der Schlüssel zur Tora gerade in dem geschichtlichen Verstehen. Wir haben keine statisch-konstruktive, sondern eine dynamisch-unsystematische Theologie, die geboren ist aus der lebendigen Wechselbeziehung zwischen Gott und Israel. Die geschichtliche Situation ist hier nicht nur nicht nebensächlich, sondern grundwesentlich, denn in ihr und durch sie geschieht Frage und Antwort, Versuchung und Bewährung. Ein Beispiel: Die Behandlung etwa des jüdischen Schabbat wird in erster Linie die Quellentexte zu bearbeiten haben. Sie wird die durchgängige Geschlossenheit in der Erlebnis- und Gestaltungsweise dieses Tages herausstellen. Es wird aber auch wichtig sein, auf die geistesgeschichtlichen Berührungen des jüdischen Schabbat mit dem babylonischen Sabbatu oder mit dem stoisch-römischen Begriff der Saturnalien einzugehen, nicht, um irgendwelche Abhängigkeit des jüdischen vom babylonischen Schabbat nach fremden, uns nicht wohlgesinnten Vorbildern zu konstruieren, sondern um zu zeigen, wie in einer bestimmten geistesgeschichtlichen Umwelt der jüdische Schabbat nun das ganz Neue, ganz Andere gesagt hat. Nicht deutlicher läßt sich die Sinnstruktur des jüdischen Schabbat aufzeigen als in solcher Gegenüberstellung zur Umwelt. Was aber vermieden werden muß, ist das Ertrinken im geschichtlichen Milieu. Es muß als methodisches Prinzip für die Arbeit der jüdischen Lehrhäuser gelten: Bei allem Recht der geistesgeschichtlich orientierten Deutung muß die Auflösungsmanie überwunden und die Herausschälung des eigenständigen Sinnes der spezifisch jüdischen Phänomene in Angriff genommen werden. Es gibt in der Geistesgeschichte überhaupt nicht so etwas wie einen lückenlosen genetischen Prozeß, der die Entwicklung der Ideen und Gestaltungen auseinander und ineinander triebe. So etwas gibt es nur in der naturwissenschaftlich erklärbaren Welt. In der geistigen Wirklichkeit der Geschichte ist immer die Chance des ganz Neuen, Eigenständigen gegeben, das nicht aus vorangegangenen Bedingungen erwächst, sondern vielmehr als die „Urgeschichte" (Overbeck) in Abhebung von allem Milieuhaften neu aufbricht. Ein anderes Beispiel: Es ist gar nicht anders möglich, als bei der Behandlung der Propheten immer wieder die geistige und politische Situation aufzuweisen und den Prophetismus als die Antwort auf diese Situation zu deuten. Ebenso werden die Tanaiten erst in ihrer Abhebung von der Apokalyptik, die Kabbalisten in ihrer schöpferischen Reaktion auf das mittelalterliche Martyrium, also immer nur aus der geschichtlichen Situation restlos verständlich. — Wir formulieren also: Die Lehrhäuser werden darauf dringen müssen, daß bei aller geschichtlichen Orientierung nicht die radikale, zersetzende Kritik, sondern die nacherlebende und ganzheitliche Sinnanalyse die Arbeitsgemeinschaften beherrsche. Wir wollen unseren Menschen nicht Steine geben statt Brot, sondern ihnen das Verständnis für das Judentum, wie es groß und in sich selbständig dasteht, vermitteln. Es muß daher verlangt werden, daß als Interpreten der Tora nur solche lehren, die von echter Glaubenshaltung, von Erschlossenheit dem Sinn des Judentums gegenüber beherrscht sind. Wir dürfen aber in unseren Lehrhäusern auch nicht etwa eine geschichtsfremde, theologische, kanzelhafte Sprache führen, sondern müssen versuchen, unserer heutigen geschichtlichen Situation in Verantwortung gerecht zu werden. Warum soll es nicht möglich sein, die synoptisch-übergeschichtliche, alte Lernmethode mit der geschichtlichen Interpretationsweise kraft echter Gläubigkeit zu einer Synthese zu verschmelzen? Die Stoffwahl und Methode des Rambam-Lehrhauses, das wir in Berlin gegründet haben, steht unter dem Zeichen dieser Aufgabe.

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