Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 7 (1935)
- Issue
- 7-8 (8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 48 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 48 Z I O N Nr. 7*8 also eine echte reformatorische Tendenz. Heute beginnt man bereits, den Irrtum dieser Geschichtskonstruktion und Autoritätsablehnung zu durchschauen und die Bibel wieder mit tanaitischen Augen zu sehen. Damit erscheint uns der Weg zu einer rechten Einschätzung des Talmuds freigelegt. Von hier aus ist eine Forderung an die jüdischen Lehrhäuser sowohl bezüglich der Stoffwahl wie der Methode zu stellen. Die Lehrhäuser haben, zumal dort, wo sie infolge der veränderten sozialen Struktur des Judentums in Deutschland die Funktionen der Volkshochschule mit ihren gesamtkulturellen Aufgabengebieten übernehmen mußten, einen sehr weitverzweigten Lehrbetrieb eingerichtet. Dabei hat man aber vergessen, das Augenmerk auf das Wesentliche zu richten, auf die Erneuerung der spezifisch jüdischen Art des Quellenstudiums. Es scheint uns, daß die jüdischen Lehrhäuser über die Kopierung der nichtjüdischen akademischen Methoden hinauswachsen müßten. Ausdruck einer solchen entschlossenen Bemühung um die jüdische Lehfweise, die allein den jüdischen Namen „Lehrhaus" rechtfertigte, wäre die Wiedereinsetzung des Talmuds und seiner Lernmethode in sein geschichtlich gewordenes Recht. Um der Ganzheit der Lehre willen und im Hinblick auf die geistesgeschichtliche Schlüsselstellung des Talmuds gibt es kein anderes Mittel, den Hörer in die jüdische Geisteswelt so einzuführen, wie sie sich in ihrer totalen Struktur repräsentiert, als die Einführung in die Welt des Talmuds. Wir formulieren: Es geht uns um die Erneuerung des alten Lernens, dessen charakteristische Merkmale sind: 1. Das Erlebnis der Homogenität aller geistesgeschichtlichen Phasen. Also nicht historische Zerlegung, sondern die Erfassung des Stoffes in seiner ganzheitlichen Gestalt. 2. Eine Haltung, die getragen ist von dem Willen, daß nichts Jüdisches dem Lernenden fremd sei. Also nicht Reduzierung und Zurechtstutzung des Judentums für „leichtverdaulichen Hausgebrauch", sondern Vertiefung in die ganze Intensität und Kontrastspannung des religiösen Ringens, wie es in der jüdischen Geistesgeschichte Gestalt gewonnen hat. 3. Lernen aus religiöser Haltung, nicht etwa aus bloß bildungsmäßigen oder ästhetischen Motiven. Lernen mit dem Bewußtsein von der Heiligkeit des Lernens als eines Aktes der Konfrontation von Gott und Mensch. III. Wir übersehen nicht den Sachverhalt, daß es mit der Forderung „Zurück zum alten Lernen" allein nicht sein Bewenden haben kann. Um jedes Mißverständnis auszuschließen: das Wesentliche, was uns an der Methode des Talmudstudiums als spezifisch jüdisch erscheint, darf in keinem Falle preisgegeben werden. Die Werte des alten Lernens müssen unter allen Umständen auch für die Zukunft gerettet werden. Aber die alte Methode reicht nicht mehr aus. Ebenso wie unsere heutige Situation den Typus des „talmid chacham" nicht missen kann, ihn aber andererseits durch eine neue Problematik gesprengt hat, verhält es sich mit der Lernmethode. Die unbekümmerte Geschlossenheit der östlichen Lomdim ist in Deutschland schon lange geschwunden. Es geht darum, den gewaltigen Stoff der Lehre auch in einer anderen Sicht zu erfassen als in der ungebrochenen Struktur des Metahistorischen. Es geht darum, ihn geschichtlich zu verstehen, wie es heute überhaupt auf allen Gebieten der Geisteswissenschaften um die Kategorie des Verstehens geht. Die Naivität des Interpretierens ist uns längst vergangen. Nicht nur die alte Exegese des Talmuds ist in der Gegenwart zum Problem geworden, nicht minder scheint uns Heutigen auch die bisher übliche literarhistorische Kritik mit ihrer Selbstsicherheit in den Fragen der Quellenscheidung u. a. willkürlich und bedenklich. Bachofen hatte das richtige Gefühl, als er in der Zeit der Hochflut der literarhistorischen Kritik ihre Methode als unfundiert und daher unwissenschaftlich anzweifelte. Wenn er darauf hingewiesen hat, daß der moderne Literarhistoriker seine Distanz zum Stoff fälschlich übersieht und glaubt, Texte, von denen er zeitlich und psychisch ungeheuer weit entfernt ist, vom geistigen Habitus des heutigen Menschen aus beurteilen zu können, so hat er unser in den letzten Jahren geschärftes Bewußtsein von der Fragwürdigkeit auch der bisherigen biblischen Quellenkritik vorweggenommen. Es ist interessant, daß heute auch in der protestantischen Bibelexegese die Problematik des Verstehens neu aufgebrochen ist. Mit großer Leidenschaft hat hier Karl Barth gefordert, daß die historische Exegese, die als solche theologisch irrelevant sei, überbaut werde von einer „pneumatischen" Exegese. Der Mensch solle die Bibel befragen, nicht über sie zu Gericht sitzen. Das Wort Gottes muß, losgelöst von aller zeitlichen und geschichtlichen Situation der es kündenden Menschen, in seiner absoluten Zeitlosigkeit als das Wort aus der Ewigkeit verstanden werden,